Nachdem der Endorphin Spiegel so langsam wieder in Bereiche kommt, wo das Gehirn funktioniert und man auch wieder halbwegs gut die Tastatur einer Computers bedienen kann, möchte ich eine erste, vorläufige Analyse wagen.
1.) Das, was wir gestern erleben durften, stellt ALLES bisher in Deutschland gesehene in den Schatten. Ich persönlich kann mir kaum vorstellen, dass es so ein weites Südwärtswandern der Aurora Zone in den kommenden 10-20 Jahren wieder geben wird. Zeitweise dürfte die äußerste südliche Kante des Polarlichtovals im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich gelegen haben, was einer geomagnetischen Breite von ca. 43 Grad entspricht.
2.)Die gestern (und auch vorgestern) in Deutschland gemessenen Schwankungen im Erdmagnetfeld sind normalerweise typisch für hohe Breiten, also Nordskandinavien.
3.) Die Wahrscheinlichkeit gleich zwei absolut erdgerichtete coronale Massenauswürfe innerhalb von 24 Stunden erleben zu dürfen, liegt wohl nur ganz knapp unter der für einen 6er im Lotto. (Also, lasst jetzt mal das Spielen sein, es lohnt nicht mehr
4.) Noch etwas zur Beobachtung. Gestern konnte man nach den jeweiligen Substürmen (den starken ausbruchsartigen Phasen der Aurora) sehr schön die Unterschiede in der physikalischen Natur der beiden Aurora Farben erkennen. Wenn man aufgepasst hat, war nämlich deutlich zu sehen, dass die grünen Farben im Zenit sehr schnell verschwanden, während das rote dann teilweise erst zum Vorschein kam (Grün hat es vorher schlichtweg überstrahlt) und dann noch viele Minuten lang sichtbar blieb. Diese Beobachtug lässt sich sehr schön mit den Lebensdauern der beteiligten angeregten Atome erklären. Ganz einfach gesagt, Rot hält wesentlich länger als Grün, weil Rot in viel größeren Höhen entsteht (grün 100km, rot 400-600km). Dort können die angeregten Atome praktisch nicht durch Stöße sondern nur durch Lichtemission ihre Anregungsenergie los werden.
Aber das reicht erstmal zur Physik.
5.) Was mir noch aufgefallen ist, war die massive Art der Erscheinung des Polarlichts. Im April 2001 zum Beispiel waren die Vorhänge viel feiner strukturiert. Letzte Nacht habe ich praktisch nur sehr wuchtig erscheinende Strahlen sehen können, aber keine Nadel-feinen Strahlen, die den Vorhängen ein Art Eleganz verliehen hätten. Ich würde das einfach mal auf die extremen Sonnenwindgeschwindigkeiten von deutich über 1200km/s zurückführen, die das Polarlicht einfach nur aufs massivste und gewaltigste angetrieben haben.
Ok, soweit erstmal meine Zusammenfassung. Und jetzt zum Ausblick.
Im Prinzip sind die Sonnenwind-Werte, vor allem die Geschwindigkeit, noch so hoch, dass es auch in der kommenden Nacht nochmals ein Polarlicht in Mitteleuropa geben wird.
Allerdings ist bei weitem nicht mehr die Intensität der letzten Nacht zu erwarten.
Ich würde vermuten, dass es für eine dauerhafte, aber viel schwächere Horizontaufhellung (ruhiger grüner Polarlicht-Bogen) auf alle Fälle noch reicht. Hin und wieder können ein paar weiß erscheinende (in Wirklichkeit eher rote) Strahlen auftreten.
Gefördert würde diese Möglichkeit durch ein südwärts ausgerichtetes interplanetares Magnetfeld (Bz am ACE negativ). Dies ist heute Abend sicherlich auch nochmal möglich.
Insgesamt würde ich aber heute keine großen Touren mehr machen. Wer klaren Himmel hat und morgen nichts arbeiten muss (ist ja Samstag), der kann sich ja bei einer netten Astronacht ab und zu einen Kontrollblick nach Norden gönnen. Aber großartiges erwarten, würde ich auf keinen Fall mehr.
Ok, soviel erstmal von mir.
In einem gleich folgenden posting möchte ich noch kurz die Beobachtungsmeldung an zwei zentrale Sammelstellen beschreiben, denn das gestrige Ereignis sollte wirklich für die Nachwelt festgehalten werden.
Viele Grüße
Ulrich