2 helle Kometen im April?

Forum für Polarlichter, Spaceweather, Astronomie und Raumfahrt.

Moderator: StefanK

Antworten
Benutzeravatar
Christoph Gerber
Beiträge: 932
Registriert: 24. Okt 2011, 14:44
Wohnort: Heidelberg

2 helle Kometen im April?

Beitrag von Christoph Gerber » 31. Jan 2026, 21:48

Vor einem Jahr (Mitte Januar 2025) zog der letzte (sehr) helle Komet seine Bahn um die Sonne. Im kommenden April werden wieder zwei helle Gäste erwartet – allerdings verläuft ihre Bahn so ungünstig, dass sie selbst um das Perihel herum, wenn sie am hellsten sind, bei uns nicht sichtbar sein werden.

Der erste der beiden wurde bereits vergangenes Jahr entdeckt: C/2025 R3 (PANSTARRS). Seine Bahn ist mit 125° Neigung stark gegen die Erdbahnebene geneigt. Er wandert daher nach seinem Perihel steil nach Süden und wird von unseren Breiten aus nicht (mehr) sichtbar sein. Da er am 24. April 2026 jedoch fast genau zwischen Sonne und Erde vorbeiziehen wird (nur 6° Sonnenabstand), wird er stark vom Effekt der Vorwärtsstreuung profitieren: statt der erwarteten maximalen Helligkeit von +2.5 mag könnte er auf -2.5 mag kommen (so die aktuelle Helligkeitsprognose von van Buitenen). Er müsste jedoch noch heller werden, um am Tage sichtbar zu sein – die einzige Möglichkeit, ihn von unseren Breiten aus zu sehen. Da Kometenhelligkeiten sehr schwer vorherzusagen sind, bleibt abzuwarten, was wir tatsächlich geliefert bekommen. Die beiden „Tageskometen“ 2024/2025 brachten es auf etwa -4.0 mag in unmittelbarer Sonnennähe, für eine Tagessichtbarkeit (mit bloßem Auge) hat es jedoch nicht gereicht.

Der zweite helle Komet im Anmarsch ist ein ganz besonderer Brocken: C/2026 A1 (MAPS) ist ein „Sonnenkratzer“ der sog. Kreutz-Gruppe, der am 4. April 2026 sehr knapp über die Sonnenoberfläche „kratzen“ wird – wenn er es bis dahin durchhält und sich nicht vorher auflöst. Das Besondere an diesem Kreutz-Kometen ist, dass er – als einziger bisher! – schon sehr weit von der Sonne entfernt entdeckt wurde (und sich nicht im Ausbruch befand, wie es bei C/2024 S1 ATLAS der Fall war). Somit liegen keine Erfahrungen zur Entwicklung seiner Helligkeit vor. Kreutzkometen wurden bisher oft erst nach ihrer Sonnennähe entdeckt: ihr Kern löste sich durch die extreme Hitze völlig auf, so dass sie als „Kopflose“ Kometen erschienen. Der letzte spektakuläre dieser Kometen war der „Weihnachtskomet“ 2011 (C/2011 W3 Lovejoy), der den Ritt durch die Sonnenatmosphäre überraschenderweise überstanden hatte, sich danach aber auflöste und einen spektakulären Schweif hervorbrachte. Der neue Kreutzkomet könnte eine ähnliche Show wie Lovejoy liefern. Auch er wird z.Z. mit einer Maximalhelligkeit von -3.4 mag geführt. Da aber der genaue Abstand zur Sonnenoberfläche noch nicht so genau bekannt ist, sind auch die Helligkeitsangaben unsicher. Sicher ist dagegen der Bahnverlauf – und da zeigt sich, dass er während der größten Annäherung hinter der Sonne stehen wird, so dass er dann gar nicht beobachtbar sein wird. Aber die Erfahrung mit Lovejoy hat gezeigt, dass zu diesem Zeitpunkt (bei extremer Nähe zur Sonnenoberfläche) sich gar kein Schweif bilden kann, sondern dieser sich erst Stunden(?) nach dem Perihel wieder entwickelt – aus den Trümmern bzw. Resten des Kernes, die den Höllenritt überstanden haben. Größere Entfernungen zur Sonnenoberfläche könnten eine spektakuläre Show à la Ikeya-Seki 1965 bieten – aber MAPS wird der Sonne deutlich näher kommen. Auch hier bleibt abzuwarten, was uns am Himmel geboten wird. Und wie bei allen Kreutzkometen: mit einer Neigung von 144° ist er nur in unmittelbarer Sonnennähe nördlich der Ekliptik und bleibt daher von unseren Breiten aus so gut wie unsichtbar. Und noch eines scheint absehbar: trotz seiner möglichen großen Helligkeit erreicht er vor/nach seiner Sonnennähe nicht einmal +6 mag, wäre also nicht einmal am dunklen Nachthimmel mit bloßem Auge sichtbar!

Da beide Kometen so nahe an die Sonne herankommen, bleiben sie unsichtbar – aber sie können sehr gut auf den Coronographen-Satelliten SOHO LASCO C3 quasi in Realzeit verfolgt werden – ganz entspannt und ohne Gefährdung für die Augen durch die Sonne.

Links zu weiteren Infos:
Infos von Daniel Fischer auf cosmos4u (zur Bahn um und hinter der Sonne)
Bahn am Himmel und Vergleiche mit früheren Kreutzkometen auf der VdS-Seite

Gruß aus HD,
Christoph

Benutzeravatar
Christoph Gerber
Beiträge: 932
Registriert: 24. Okt 2011, 14:44
Wohnort: Heidelberg

Zum Kreutz-Kometen C/2026 A1 (MAPS)

Beitrag von Christoph Gerber » 8. Feb 2026, 16:15

Zum neuen Kreutz-Kometen (MAPS), der am 4. April über die Sonnenoberfläche »kratzen« wird:

1. Nicolas Lefaudeux hat, angeregt durch diesen neuen Kreutz-Kometen, die Schweifentwicklung der vergangenen Kreutzkometen mit seinem Programm simuliert. Es lohnt sich, diese anzusehen, denn sie sind sehr lehrreich – gerade was die Schweifentwicklung in unmittelbarer Sonnennähe angeht: der Schweifabriss und die darauf folgende Schweifneubildung bei der Entfernung des überlebenden Kernrestes von der Sonne. Nach diesen Simulationen erschient es durchaus möglich, dass bei den ganz großen Kreutzkometen der „neue“ Kometenschweif (nach dem Perihel) kurzfristig neben dem „alten“ erscheint, dessen Staub noch auf dem Weg zu Sonne ist... (s.u.)

2. Die Schweifentwicklung von Kreutzkometen im Perihel hat natürlich Folgen für seine Helligkeitsentwicklung. Kreutzkometen folgen hier nicht den Formeln für Standardlichtkurven anderer Kometen. Nach ihnen würden sie Fantasie-Helligkeiten erreichen – im aktuellen Fall liegen Prognosen von bis zu -20 bis -40 mag vor – absolut irreale Werte, die den Kometen heller als die Sonne selbst machen würden! Sie würden für die Minuten der extremen Sonnennähe gelten – wenn der Komet zu dieser Zeit überhaupt einen Schweif entwickeln könnte. In den Stunden der extremen Sonnennähe sind Strahlung und Temperatur so immens groß, dass jeglicher vom Kometenkern weggeblasener Staub sofort verdampft. Kein Schweif = keine Helligkeit! Das haben wir beim o.g. Lovejoy (2011) bereits einmal erlebt. Freuen wir uns also auf einen recht hellen „Sonnenkratzer“-Schweif und lassen uns von Helligkeit- und Schweifentwicklung überraschen.
aktuelle COBS-Prognose
aktuelle COBS-Prognose
3. Was diesen Kreutz-Kometen gegenüber den bisher bekannten zu unterschieden scheint, ist seine etwa doppelt lange Umlaufszeit. Kreutzkometen sind in Gruppen klassifiziert, die Umlaufszeiten von etwa 700–900 Jahren haben. Der große Komet von 1106 gilt als Kandidat für den Ursprung einer der Gruppen; er wäre demnach bei dieser Sonnennähe auseinander gebrochen, und die einzelnen Fragmente kehrten in den 1880ern bzw. der 1960ern zurück. Der neue hat jedoch eine etwa doppelt so große Umlaufszeit (1700–2000 Jahre). Was das letzten Ende bedeutet, ist noch unklar.
Möglicher Ursprungskomet aller Kreutz-Kometen könnte der sog. aristotelische Komet sein: (WP) »Die Unterteilung in zwei Untergruppen lässt den Schluss zu, dass sie von zwei verschiedenen Kometen abstammen. Diese könnten allerdings wiederum Bruchstücke eines noch größeren Ursprungskörpers darstellen. Als Kandidat kommt ein Komet infrage, der 373 v. Chr. von Aristoteles und Ephorus beobachtet wurde (Großer Komet von 373 vor Christus). Ephorus berichtet, dass der Komet in zwei Teile zerbrochen sei.«
Die Beschreibung des Ephorus lässt mich aufhorchen: dass der Komet in zwei Teile zerbrochen ist, muss sich nicht notwendigerweise auf eine Teilung des Kernes beziehen (wie es üblich ist), sondern es könnte auch bedeuten, dass zwei Schweife nebeneinander zu sehen gewesen sein könnten!

Gruß aus HD,
Christoph

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 124 Gäste