Kurzer Erlebnisbericht

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Peter Kuklok

Kurzer Erlebnisbericht

Beitrag von Peter Kuklok » 2. Nov 2003, 18:09

Hallo Forum,

so, ich habe meine Worte wiedergefunden :) ...anbei auch von mir noch ein Bericht.

Zumindest aus astronomischer Sicht waren die letzten Tage für mich die aufregendsten, die ich bisher erleben durfte. Allein schon das Polarlicht vom 30.Oktober wird sicherlich eines der beeindruckendsten Ereignisse in meinem ganzen Leben bleiben.
Ich kann immer noch nicht begreifen, wie viel Glück ich diese Woche hatte. Erst die Beobachtung des Weisslichtflares mit einem einfachen LLDI*-Teleskop (Refraktor 70/700, 20mm Okular), und dann diese wunderbar riesige Wolkenlücke, genau passend zur gigantischen Polarlichtshow, am Donnerstag. Doch der Reihe nach...

Vor etwa zwölf, dreizehn Jahren las ich in dem Buch "Der Stern, von dem wir Leben" von Rudolf Kippenhahn zum ersten Mal von Richard Carringtons Weisslichtflare-Beobachtung/Entdeckung am Mittag des 1.September 1859. Dieses kurze Aufleuchten der Fleckengruppe und die Konsequenzen, die sich nur wenige Stunden später für die Erde ergaben, übten damals eine unglaubliche Faszination aus. Hätte ich eine Zeitmaschine besessen, dieses Datum wäre von mir als erstes angesteuert worden. Ich hätte Carrington über die Schulter geschaut und dann wenige Stunden später den Polarlichtsturm genossen :) Erst vor kurzem, als das NASA-Paper zu den neuen Erkenntnissen zum 1./2. Sept. 1859 veröffentlicht wurde, kamen bei mir diese alten Gedanken wieder hoch. Es ist für mich immer noch unglaublich, dass ich nur wenige Tage später, zumindest einen 'Hauch' von dem Nacherleben durfte, was sich da vor 144 Jahren ereignet hat.

Meine Beobachtung zum Weisslichtflare hatte ich ja bereits geschildert. Das plötzliche "Öffnen" (max.~1109UT) und "Schließen" der Fleckengruppe spielte sich innerhalb kürzester Augenblicke ab. Es dauerte nach meinen Beobachtungen nur wenige Minuten. Unter http://www.magnetsturm.de/temp/wlf_031028.png kann man sehen, wie groß die hellen Flecken bzw. der Flare in ihrer maximalen Ausdehnung in meinem Teleskop erschienen (rote Markierungen). Die Bereiche leuchteten in meinen Augen nicht wesentlich heller auf, als die übrige Sonnenoberfläche. Es glich nicht einem Blitz, sondern sah bildlich gesehen vielmehr so aus, als würde jemand in der Mitte der Fleckengruppe anfangen, an zwei Stellen Bereiche wegzuradieren, die sich aber nach wenigen Augenblicken wieder regenerieren.
Zum einen ist es sicherlich außerordentlich bemerkenswert, dass man dieses Schauspiel selbst mit einem so kleinen Teleskop noch deutlich wahrnehmen konnte. Dennoch ärgert man sich gleichzeitig, dass man keine bessere Ausrüstung zur Hand hatte. Da es sehr wahrscheinlich bei diesem einmaligen Erlebnis für mich bleiben wird, überwiegt natürlich bei weitem die Freude, es wenigstens mit dem LLDI* gesehen zu haben. Auch über das gleichzeitig aufgezeichnete Crochet auf meinem SAM-Magnetogramm freue ich mich riesig :)

Von einem erdgerichteten Megaflare haben sicherlich viele von uns seit langem geträumt. Und nun war ES tatsächlich passiert. Ein frontaler, solarer Massenauswurf raste auf uns zu und erreichte die Erde in einer Rekordzeit, die dem CME vom 1.Sept.1859 heftig Konkurrenz machte. Der gigantische Impakt am nächsten Morgen war ebenfalls ein tolles Live-Erlebnis an meinem Magnetometer. Von dem Polarlicht am Abend des 29.Okt. bekam ich selber leider rein gar nichts mit. Regen und dichte Wolken verhinderten mir die Sicht auf die Lichter. Traurig war ich nicht wirklich. Mein Glückskonto war wohl schon allein durch die Flare-Beobachtung überzogen worden ...oder etwa doch nicht? Um 2049UT ein neuer Megaflare X10...unfassbar, wieder mit frontalem full-halo CME und wieder sehr schnell. Da kam Freude auf, die ich gleich mal mit Ulrich telefonisch teilen musste :)
Die erwartete Ankunft am nächsten Abend bzw. der darauffolgenden Nacht passte mir allerdings gar nicht so in den Kram. Zum einen sollte das Wetter in Frankfurt nicht besser werden, zum anderen musste ich am Abend zu einer kleinen Familienfeier. Die Hoffnungen etwas sehen zu bekommen begrub ich also wieder recht schnell.
Das Wetter am Donnerstag war wirklich mies, den ganzen Tag über. Als am frühen Abend dann plötzlich die Bt-Werte bei ACE langsam anfingen zu steigen, aber keine wirkliche Schockfront zu erkennen war, begann das große Rätselraten, was denn da gerade angekommen war. Bt stieg und stieg, gleichzeitig fiel Bz auf ausgezeichnete Werte. Das musste der erwartete X10er-CME sein. Es ist dies die sonderbarste Ankunft eines CMEs, die ich bisher gesehen habe. Wenn man sich die ACE Mag-Kurven jetzt im Nachhinein betrachtet, sieht es so aus, als würde die Erde ohne Schockfront direkt in die magnetische Blase des CME eintauchen.
Wie auch immer, die Werte wurden immer besser. Die Magnetometer-Kurven verzeichneten alsbald massive Ausschläge und die Wolken wollten einfach nicht weichen. Dann nochmal ein Anruf bei Ulrich, um ihm rasch zu melden, dass gerade die K=9 gefallen seien. Von ihm hörte ich, dass er im Westen, bei Ingelheim, schon deutlich besseres Wetter hatte und schon fleißig am Fotografieren sei. Prima, etwa ein Hoffnungsschimmer für den weiteren Abend?
Doch zunächst ging es mal zur Familie. Ich konnte aber kaum einen klaren Gedanken fassen, immer nur die Befürchtung das zu erwartende Mega-Event zu verpassen. Und tatsächlich versuchte mich Ulrich gegen 20.30h anzurufen. Doch das Handy hing an der Garderobe und klingelte ungehört. Zum Glück bemerkte ich den Anrufversuch schon kurz darauf. Ich rief ihn zurück und erfuhr, dass es Polaricht im Großen Wagen gab, zudem machte er mir weiter Hoffnung auf besseres Wetter. In Frankfurt war es immer noch bedeckt. Ich hielt es nicht mehr aus. Mein Bruder und seine Verlobte boten mir an, gemeinsam Richtung Westen zu fahren. Doch ich zögerte. Der Wolkenlücke entgegenfahren oder auf sie warten? Lieber erst nochmal die Wolkenbedeckung vom Dach aus überprüfen. Blick nach Norden alles dicht. Doch von SSW kommend, zeichnete sich eine, wie mit dem Stift gezogene, große Wolkenkante ab, dahinter eine riesige wolkenfreie Zone. Sie zog genau in meine Richtung. Genial. Es war 21.00h und ich beschloß im Norden Frankfurts zu bleiben. Bis es völlig aufklarte durfte es aber noch eine knappe Stunde dauern, gute Gelegenheit sich mal mit der DigiCAM des Bruders auseinanderzusetzen.
Mist, beide Akkuspacks waren schon fast leer. Naja, dennoch mal ein paar Langzeitbelichtungen machen, ein paar kleine Wolkenlücken schien es ja schon zu geben. Auf dem Display war nichts zu erkennen, leider keine besonders gute Kamera für Polarlichtaufnahmen. Aber wenn der Himmel erstmal brennen würde, dürfte es egal sein, dachte ich mir
Gegen 21.45h war es dann soweit aufgeklart, dass die Wolken nur noch etwa 20-30 Grad über dem Nordhorizont standen. Je weiter sie abzogen, um so deutlicher zeichnete sich nun eine sehr ungewöhnliche Aufhellung über der schwarzen Wolkenfront ab. Ich konnte es gar nicht glauben, nie zu vor habe ich von Frankfurt aus den grünen Polarlichtbogen sehen können, und nun auf einmal stand er gleich so hoch über dem Horizont und leuchtete fürs Auge zunächst farblos vor sich hin. Schnell mal ein paar Bilder machen...aaargh, Akkus leer. Okay, dann eben keine Bilder. Soviel Glück hätte ich jetzt auch nicht verdient gehabt ;)
Ich rief meinen Bruder hoch. Bisher hatte er noch nie Polarlicht gesehen, die Aufhellung fiel ihm aber auch ins Auge. Gegen 22.00h war der Tisch für die kommende Polarlicht-Show gedeckt, klarer Himmel und funkelnde Sterne. Ich wurde wahnsinnig optimistisch und sagte noch zu ihm, er solle einige, wenige Minuten warten, es würde dann mehr passieren. Beamer würden aus dem Bogen schließen und alles viel farbiger und heller werden. Gesagt, getan, es passierte wirklich...und wie :)

Lange, farblose Beamer zeichneten sich plötzlich am Himmel ab. Im NO gab es die größte Aktivtät. Dort konnten wir auch das erste kräftige, rote Polarlicht mit hellen Strahlen sehen, und auch der Bogen wurde heller und gewann an grüner Farbe. Innerhalb weniger Minuten wurde bereits die Aktivtät vom 21./22.10.2001 erreicht und überschritten. Immer größere Teile des nördlichen Himmels wurden von der Polarlichtaktivität erfasst. Als ich meinem Bruder sagte, dass dies bereits das heftigste Polarlicht sei, dass ich bisher gesehen habe, holte er schnell auch seine Verlobte. Jetzt standen wir zu dritt mit riesigen, offenen Augen da oben und bestaunten dieses einmalige Himmelsspektakel Ein gewaltiger Polarlichtvorhang hatte sich ausgebildete, in einer Farbenpracht, Intensität und Ausdehnung, die einem den Verstand raubte. Sterne verblassten oder verschwanden hinter dem Vorhang. Allein der grüne Polarlichtbogen als Basis reichte deutlich in den Großen Wagen hinein, und selbst in dessem hellen, grünen Bereich konnten sich noch hellere Beamer abzeichnen. Und dann,...dann fing ich an zu schreien. Der Bogen war inzwischen so hell, dass man meinen konnte, in Kürze würde im Norden tatsächlich die Sonne aufgehen, es fehlte eigentlich nur noch Vogelgezwitscher. P-O-L-A-R-L-I-C-H-T brüllte ich in die Gegend... immer wieder :) Ich wollte die Nachbarschaft auf dieses fantastische Ereignis aufmerksam machen...keine Reaktion, Fenster und Türen blieben geschlossen. Naja, schwerhörige Ignoranten dachte ich mir, sollen sie weiter 'Musikantenstadl' schauen. Zumindest meine Eltern konnte ich aber vor die Tür jagen. Sie schauten sich den Höhepunkt dann auch einige Minuten an und fanden es wohl auch ganz "nett und schön". Die Begeisterung, die wir drei auf dem Dach zeigten, blieb aber weit und breit unerreicht. Beamer trafen sich fast im magnetischen Zenith und setzten zur Korona an. Es war schwer alles im Auge zu behalten ohne etwas zu verpassen. Flugzeuge flogen direkt in die Farben hinein, andere zogen langsam Warteschleifen über der Stadt. Was mag wohl gerade da oben in den Maschinen abgehen, dachten wir uns. Und wie mag SOLCH ein Schauspiel noch vor wenigen hundert Jahren in den pechschwarzen Nächten auf die Menschen gewirkt haben? Mir schauderte etwas.
Ich glaub es war so gegen 22.30h, man verlor völlig das Zeitgefühl ,als die Aktivität allmählich wieder nachlies. Bis 22.50h beobachteten wir dann noch weiter. Da die große Show aber offenbar erstmal vorüber war und auch wieder vereinzelt Wolken aufzogen, beschlossen wir, massiv beeindruckt von dem soeben erlebten, zunächst einmal den Posten zu räumen. Ich hätte niemals erwartet, dass von meinem Standort aus, Polarlicht in einem derartigen Helligkeitsausbruch und in einer deratigen Intensität gipfeln kann, niemals.
Von etwa 23.15h bis 0.30h beobachtete ich den Himmel alleine weiter. Polarlicht war weiterhin zu sehen, vor allem hin und wieder ein paar Beamer und der grüne, jetzt wieder farblose, Polarlichtbogen. So ab etwa 0:00 konnte ich vor allem im NO nochmal verstärkte Aktivität feststellen, wobei es dann aber ab 0:30h komplett zuzog, aber das war mir wirklich völlig egal. Ich war einfach nur noch glücklich ...und bin es immer noch. WwwwwoooooooooooooooooooooowwwwW :)

Grüße
Peter


*) Name wurde von mir stark entstellt. Solange mir die betreffende Supermarktkette kein angemessenes Honorar für meine Produktwerbung in den vergangenen Tagen zahlt, bleibt das ab sofort auch so ;)) Danke Lutz, für den Hinweis ;)


Oswald Dörwang

Re: Kurzer Erlebnisbericht

Beitrag von Oswald Dörwang » 2. Nov 2003, 19:07

Hallo Peter,

vielen Dank für den schönen und ausführlichen Bericht.
Hab ihn mit grossem Interesse gelesen.

Gruss
Oswald

: Hallo Forum,

: so, ich habe meine Worte wiedergefunden :) ...anbei auch von mir
: noch ein Bericht.

: Zumindest aus astronomischer Sicht waren die letzten Tage für mich
: die aufregendsten, die ich bisher erleben durfte. Allein schon
: das Polarlicht vom 30.Oktober wird sicherlich eines der
: beeindruckendsten Ereignisse in meinem ganzen Leben bleiben.
: Ich kann immer noch nicht begreifen, wie viel Glück ich diese Woche
: hatte. Erst die Beobachtung des Weisslichtflares mit einem
: einfachen LLDI*-Teleskop (Refraktor 70/700, 20mm Okular), und
: dann diese wunderbar riesige Wolkenlücke, genau passend zur
: gigantischen Polarlichtshow, am Donnerstag. Doch der Reihe
: nach...

: Vor etwa zwölf, dreizehn Jahren las ich in dem Buch "Der
: Stern, von dem wir Leben" von Rudolf Kippenhahn zum ersten
: Mal von Richard Carringtons
: Weisslichtflare-Beobachtung/Entdeckung am Mittag des 1.September
: 1859. Dieses kurze Aufleuchten der Fleckengruppe und die
: Konsequenzen, die sich nur wenige Stunden später für die Erde
: ergaben, übten damals eine unglaubliche Faszination aus. Hätte
: ich eine Zeitmaschine besessen, dieses Datum wäre von mir als
: erstes angesteuert worden. Ich hätte Carrington über die
: Schulter geschaut und dann wenige Stunden später den
: Polarlichtsturm genossen :) Erst vor kurzem, als das NASA-Paper
: zu den neuen Erkenntnissen zum 1./2. Sept. 1859 veröffentlicht
: wurde, kamen bei mir diese alten Gedanken wieder hoch. Es ist
: für mich immer noch unglaublich, dass ich nur wenige Tage
: später, zumindest einen 'Hauch' von dem Nacherleben durfte, was
: sich da vor 144 Jahren ereignet hat.

: Meine Beobachtung zum Weisslichtflare hatte ich ja bereits
: geschildert. Das plötzliche "Öffnen" (max.~1109UT) und
: "Schließen" der Fleckengruppe spielte sich innerhalb
: kürzester Augenblicke ab. Es dauerte nach meinen Beobachtungen
: nur wenige Minuten. Unter
: http://www.magnetsturm.de/temp/wlf_031028.png kann man sehen,
: wie groß die hellen Flecken bzw. der Flare in ihrer maximalen
: Ausdehnung in meinem Teleskop erschienen (rote Markierungen).
: Die Bereiche leuchteten in meinen Augen nicht wesentlich heller
: auf, als die übrige Sonnenoberfläche. Es glich nicht einem
: Blitz, sondern sah bildlich gesehen vielmehr so aus, als würde
: jemand in der Mitte der Fleckengruppe anfangen, an zwei Stellen
: Bereiche wegzuradieren, die sich aber nach wenigen Augenblicken
: wieder regenerieren.
: Zum einen ist es sicherlich außerordentlich bemerkenswert, dass man
: dieses Schauspiel selbst mit einem so kleinen Teleskop noch
: deutlich wahrnehmen konnte. Dennoch ärgert man sich
: gleichzeitig, dass man keine bessere Ausrüstung zur Hand hatte.
: Da es sehr wahrscheinlich bei diesem einmaligen Erlebnis für
: mich bleiben wird, überwiegt natürlich bei weitem die Freude, es
: wenigstens mit dem LLDI* gesehen zu haben. Auch über das
: gleichzeitig aufgezeichnete Crochet auf meinem SAM-Magnetogramm
: freue ich mich riesig :)

: Von einem erdgerichteten Megaflare haben sicherlich viele von uns
: seit langem geträumt. Und nun war ES tatsächlich passiert. Ein
: frontaler, solarer Massenauswurf raste auf uns zu und erreichte
: die Erde in einer Rekordzeit, die dem CME vom 1.Sept.1859 heftig
: Konkurrenz machte. Der gigantische Impakt am nächsten Morgen war
: ebenfalls ein tolles Live-Erlebnis an meinem Magnetometer. Von
: dem Polarlicht am Abend des 29.Okt. bekam ich selber leider rein
: gar nichts mit. Regen und dichte Wolken verhinderten mir die
: Sicht auf die Lichter. Traurig war ich nicht wirklich. Mein
: Glückskonto war wohl schon allein durch die Flare-Beobachtung
: überzogen worden ...oder etwa doch nicht? Um 2049UT ein neuer
: Megaflare X10...unfassbar, wieder mit frontalem full-halo CME
: und wieder sehr schnell. Da kam Freude auf, die ich gleich mal
: mit Ulrich telefonisch teilen musste :)
: Die erwartete Ankunft am nächsten Abend bzw. der darauffolgenden
: Nacht passte mir allerdings gar nicht so in den Kram. Zum einen
: sollte das Wetter in Frankfurt nicht besser werden, zum anderen
: musste ich am Abend zu einer kleinen Familienfeier. Die
: Hoffnungen etwas sehen zu bekommen begrub ich also wieder recht
: schnell.
: Das Wetter am Donnerstag war wirklich mies, den ganzen Tag über.
: Als am frühen Abend dann plötzlich die Bt-Werte bei ACE langsam
: anfingen zu steigen, aber keine wirkliche Schockfront zu
: erkennen war, begann das große Rätselraten, was denn da gerade
: angekommen war. Bt stieg und stieg, gleichzeitig fiel Bz auf
: ausgezeichnete Werte. Das musste der erwartete X10er-CME sein.
: Es ist dies die sonderbarste Ankunft eines CMEs, die ich bisher
: gesehen habe. Wenn man sich die ACE Mag-Kurven jetzt im
: Nachhinein betrachtet, sieht es so aus, als würde die Erde ohne
: Schockfront direkt in die magnetische Blase des CME eintauchen.
: Wie auch immer, die Werte wurden immer besser. Die
: Magnetometer-Kurven verzeichneten alsbald massive Ausschläge und
: die Wolken wollten einfach nicht weichen. Dann nochmal ein Anruf
: bei Ulrich, um ihm rasch zu melden, dass gerade die K=9 gefallen
: seien. Von ihm hörte ich, dass er im Westen, bei Ingelheim,
: schon deutlich besseres Wetter hatte und schon fleißig am
: Fotografieren sei. Prima, etwa ein Hoffnungsschimmer für den
: weiteren Abend?
: Doch zunächst ging es mal zur Familie. Ich konnte aber kaum einen
: klaren Gedanken fassen, immer nur die Befürchtung das zu
: erwartende Mega-Event zu verpassen. Und tatsächlich versuchte
: mich Ulrich gegen 20.30h anzurufen. Doch das Handy hing an der
: Garderobe und klingelte ungehört. Zum Glück bemerkte ich den
: Anrufversuch schon kurz darauf. Ich rief ihn zurück und erfuhr,
: dass es Polaricht im Großen Wagen gab, zudem machte er mir
: weiter Hoffnung auf besseres Wetter. In Frankfurt war es immer
: noch bedeckt. Ich hielt es nicht mehr aus. Mein Bruder und seine
: Verlobte boten mir an, gemeinsam Richtung Westen zu fahren. Doch
: ich zögerte. Der Wolkenlücke entgegenfahren oder auf sie warten?
: Lieber erst nochmal die Wolkenbedeckung vom Dach aus überprüfen.
: Blick nach Norden alles dicht. Doch von SSW kommend, zeichnete
: sich eine, wie mit dem Stift gezogene, große Wolkenkante ab,
: dahinter eine riesige wolkenfreie Zone. Sie zog genau in meine
: Richtung. Genial. Es war 21.00h und ich beschloß im Norden
: Frankfurts zu bleiben. Bis es völlig aufklarte durfte es aber
: noch eine knappe Stunde dauern, gute Gelegenheit sich mal mit
: der DigiCAM des Bruders auseinanderzusetzen.
: Mist, beide Akkuspacks waren schon fast leer. Naja, dennoch mal ein
: paar Langzeitbelichtungen machen, ein paar kleine Wolkenlücken
: schien es ja schon zu geben. Auf dem Display war nichts zu
: erkennen, leider keine besonders gute Kamera für
: Polarlichtaufnahmen. Aber wenn der Himmel erstmal brennen würde,
: dürfte es egal sein, dachte ich mir
: Gegen 21.45h war es dann soweit aufgeklart, dass die Wolken nur
: noch etwa 20-30 Grad über dem Nordhorizont standen. Je weiter
: sie abzogen, um so deutlicher zeichnete sich nun eine sehr
: ungewöhnliche Aufhellung über der schwarzen Wolkenfront ab. Ich
: konnte es gar nicht glauben, nie zu vor habe ich von Frankfurt
: aus den grünen Polarlichtbogen sehen können, und nun auf einmal
: stand er gleich so hoch über dem Horizont und leuchtete fürs
: Auge zunächst farblos vor sich hin. Schnell mal ein paar Bilder
: machen...aaargh, Akkus leer. Okay, dann eben keine Bilder.
: Soviel Glück hätte ich jetzt auch nicht verdient gehabt ;)
: Ich rief meinen Bruder hoch. Bisher hatte er noch nie Polarlicht
: gesehen, die Aufhellung fiel ihm aber auch ins Auge. Gegen
: 22.00h war der Tisch für die kommende Polarlicht-Show gedeckt,
: klarer Himmel und funkelnde Sterne. Ich wurde wahnsinnig
: optimistisch und sagte noch zu ihm, er solle einige, wenige
: Minuten warten, es würde dann mehr passieren. Beamer würden aus
: dem Bogen schließen und alles viel farbiger und heller werden.
: Gesagt, getan, es passierte wirklich...und wie :)

: Lange, farblose Beamer zeichneten sich plötzlich am Himmel ab. Im
: NO gab es die größte Aktivtät. Dort konnten wir auch das erste
: kräftige, rote Polarlicht mit hellen Strahlen sehen, und auch
: der Bogen wurde heller und gewann an grüner Farbe. Innerhalb
: weniger Minuten wurde bereits die Aktivtät vom 21./22.10.2001
: erreicht und überschritten. Immer größere Teile des nördlichen
: Himmels wurden von der Polarlichtaktivität erfasst. Als ich
: meinem Bruder sagte, dass dies bereits das heftigste Polarlicht
: sei, dass ich bisher gesehen habe, holte er schnell auch seine
: Verlobte. Jetzt standen wir zu dritt mit riesigen, offenen Augen
: da oben und bestaunten dieses einmalige Himmelsspektakel Ein
: gewaltiger Polarlichtvorhang hatte sich ausgebildete, in einer
: Farbenpracht, Intensität und Ausdehnung, die einem den Verstand
: raubte. Sterne verblassten oder verschwanden hinter dem Vorhang.
: Allein der grüne Polarlichtbogen als Basis reichte deutlich in
: den Großen Wagen hinein, und selbst in dessem hellen, grünen
: Bereich konnten sich noch hellere Beamer abzeichnen. Und
: dann,...dann fing ich an zu schreien. Der Bogen war inzwischen
: so hell, dass man meinen konnte, in Kürze würde im Norden
: tatsächlich die Sonne aufgehen, es fehlte eigentlich nur noch
: Vogelgezwitscher. P-O-L-A-R-L-I-C-H-T brüllte ich in die
: Gegend... immer wieder :) Ich wollte die Nachbarschaft auf
: dieses fantastische Ereignis aufmerksam machen...keine Reaktion,
: Fenster und Türen blieben geschlossen. Naja, schwerhörige
: Ignoranten dachte ich mir, sollen sie weiter 'Musikantenstadl'
: schauen. Zumindest meine Eltern konnte ich aber vor die Tür
: jagen. Sie schauten sich den Höhepunkt dann auch einige Minuten
: an und fanden es wohl auch ganz "nett und schön". Die
: Begeisterung, die wir drei auf dem Dach zeigten, blieb aber weit
: und breit unerreicht. Beamer trafen sich fast im magnetischen
: Zenith und setzten zur Korona an. Es war schwer alles im Auge zu
: behalten ohne etwas zu verpassen. Flugzeuge flogen direkt in die
: Farben hinein, andere zogen langsam Warteschleifen über der
: Stadt. Was mag wohl gerade da oben in den Maschinen abgehen,
: dachten wir uns. Und wie mag SOLCH ein Schauspiel noch vor
: wenigen hundert Jahren in den pechschwarzen Nächten auf die
: Menschen gewirkt haben? Mir schauderte etwas.
: Ich glaub es war so gegen 22.30h, man verlor völlig das Zeitgefühl
: ,als die Aktivität allmählich wieder nachlies. Bis 22.50h
: beobachteten wir dann noch weiter. Da die große Show aber
: offenbar erstmal vorüber war und auch wieder vereinzelt Wolken
: aufzogen, beschlossen wir, massiv beeindruckt von dem soeben
: erlebten, zunächst einmal den Posten zu räumen. Ich hätte
: niemals erwartet, dass von meinem Standort aus, Polarlicht in
: einem derartigen Helligkeitsausbruch und in einer deratigen
: Intensität gipfeln kann, niemals.
: Von etwa 23.15h bis 0.30h beobachtete ich den Himmel alleine
: weiter. Polarlicht war weiterhin zu sehen, vor allem hin und
: wieder ein paar Beamer und der grüne, jetzt wieder farblose,
: Polarlichtbogen. So ab etwa 0:00 konnte ich vor allem im NO
: nochmal verstärkte Aktivität feststellen, wobei es dann aber ab
: 0:30h komplett zuzog, aber das war mir wirklich völlig egal. Ich
: war einfach nur noch glücklich ...und bin es immer noch.
: WwwwwoooooooooooooooooooooowwwwW :)

: Grüße
: Peter

:
: *) Name wurde von mir stark entstellt. Solange mir die betreffende
: Supermarktkette kein angemessenes Honorar für meine
: Produktwerbung in den vergangenen Tagen zahlt, bleibt das ab
: sofort auch so ;)) Danke Lutz, für den Hinweis ;)


Peter Schack

Re: Kurzer Erlebnisbericht

Beitrag von Peter Schack » 3. Nov 2003, 00:32

Hallo Peter,

vielen Dank für Deinen wunderschönen Bericht zu Deinen Erlebnissen.
Während des Lesens konnte ich das Polarlichtereignis nochmal Revue passieren lassen. Ich habe es an meinem Stuttgarter Beobachtungsplatz fast genauso miterlebt. Und ganz ähnliche Gedanken wie Dir (Flugzeuge, Nachbarn, Menschen früher...) gingen mir auch durch den Kopf.
Ich war leider allein u. konnte meine Beobachtungen mit niemandem teilen.
Ich will Dir nicht verschweigen, daß mich Dein Bericht sehr bewegt
hat!

Gruß Peter


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