Rückblick auf das Polarlichtjahr 2011

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StefanK
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Rückblick auf das Polarlichtjahr 2011

Beitrag von StefanK » 29. Jan 2012, 15:17

Hallo zusammen,

nachdem bereits die ersten beiden Ereignisse des Jahrgangs 2012 hinter uns liegen, ist es Zeit für einen kurzen Rückblick auf das Polarlichtjahr 2011.
Vielen skeptischen Stimmen zum Trotz hat 2011 die Erwartungen übertroffen. In 10 Nächten konnten in Deutschland Polarlichter beobachtet werden, wobei die Ereignisse am 5./6. August (s. http://www.polarlichter.info/20110805.htm ), am 26. September (s. http://www.polarlichter.info/20110926.htm ) und vor allem am 24./25. Oktober (s. http://www.polarlichter.info/20111024.htm ) herausragten. Eine Übersicht aller 10 Polarlichtnächte findet Ihr unter http://www.polarlichter.info/chronik.htm#y2011 . Wenn Ihr dort mit der Maus jeweils auf das Datum und auf die Helligkeit zeigt, werden weitere Informationen als "Tip-Tool" angezeigt. Einen weiteren, etwas ausführlicheren Überblick gibt es bei Thomas Sävert unter http://www.saevert.de/aurorapics2011.htm . Bei Thomas sind die Polarlichter vom 10./11. März und vom Abend des 30. April nicht aufgeführt. M.E. waren die hier im Forum präsentierten Nachweise jedoch eindeutig, sodass ich für 2011 auf 10 Polarlicht-Nächte komme. Das ist eine deutliche Steigerung gegenüber 2010 mit 5 Polarlichtnächten. 2011 war auch eine besseres Polarlichtjahr als 2002 und ist gut vergleichbar mit 2004 und 2005, als es ebenfalls jeweils ein helles Polarlicht gab. Das war im absteigenden Ast des vorherigen Zyklus; 2011 befanden wir uns im aufsteigenden Ast, etwa soweit vor dem nächsten Maximum wie das Jahr 1999 vor dem Maximum des 23. Zyklus lag - und 1999 wurde kein einziges Polarlicht aus Deutschland gemeldet. Freilich gab es damals noch keine systematischen Beobachtungen, angesehen von der Lübecker Gruppe um Uwe Freitag.

Schauen wir uns nun die Entwicklung der Sonnenaktivität in 2011 an. Unter http://www.polarlichter.info/zyklus24.htm habe ich alle M-Class und X-class-Röntgenflares des laufenden Zyklus aufgeführt (und hoffentlich keinen übersehen). Das Jahr brachte 108 M-Flares und 8 X-Flares; in 2010 gab es lediglich 21 M-Flares und keinen X-Flare. Bei der Klassifikation habe ich mich an SolarSoft orientiert; das SWPC führt einige M-Flares auf, die SolarSoft nur als C-Flares einstuft und umgekehrt. Da SolarSoft den Ursprung vieler Flares in den Event-Tabellen nicht nennt bzw. nur die Koordinaten auf der Sonne angibt, habe ich mich bei der Zuordnung der Flares zu den aktiven Regionen an das SWPC gehalten.
Obwohl 2011 zahlreiche starke Röntgenflares auftraten, gab es immer wieder wochenlange Zeiträume mit geringer Aktivität. Die meisten M-Class-Flares konzentrierten sich auf 6 größere Episoden verstärkter Sonnenaktivität im Februar, März, August, Anfang und Ende September sowie im November. Jede dieser Episoden brachten 10 oder mehr M-Class-Flares und mindestens einen X-Class-Flare hervor; meistens waren mehrere aktive Regionen beteiligt. 3 der erwähnten 6 Aktivitätsphasen zogen in Mitteleuropa Polarlichter nach sich, jeweils nach M-Class-Flares. Bei dem Polarlicht vom 11.03.2011 wirkte sich zusätzlich ein Coronal Hole aus. Coronal Holes waren auch für 4 Polarlichter außerhalb der o.g. Aktivitäts-Episoden verantwortlich. Eine Ausnahme stellt das helle Polarlicht vom 24./25.10.2011 dar, welches durch einen CME aus einem Filamentzusammenbruch getriggert wurde, der innerhalb einer kleineren Aktivitäts-Episode stattfand.
Weitere kürzere Aktivtäts-Episoden im November und Dezember sowie isolierte M-Class-Flares produzierten zwar hier und da zumindest partiell erdgerichtete CMEs, z.T. auch aus C-Class-Flares, zogen aber keine Polarlichter in Mitteleuropa nach sich.

Im Jahr 2010 hatte es solch ausgedehnte solare Aktivitäts-Phasen wie in 2011 gar nicht gegeben. Es waren lediglich 3 kleinere Episoden sowie isolierte M-Class-Flares zu verzeichnen, die in Mitteleuropa keine Polarlichter hervorbrachten. 2 der 5 Polarlichter in 2010 traten nach CMEs aus C-Class-Flares auf, eines (06.04.2010) nach einem B-Class-Flare, ein weiteres war auf eine Coronal Hole zurückzuführen, bei dem Ereignis vom 11.10.10 ließ sich die Ursache nicht abschließend klären.

Als Fazit der Jahre 2011 und 2010 bliebt festzuhalten, dass Episoden mit mehreren aktiven Regionen und zahlreichen starken Röntgenflares auf der Sonne zwar die Chancen auf Polarlichter in Mitteleuropa steigern, aber keine zwingende Voraussetzung für deren Auftreten sind. Schwache Polarlichter können in Norddeutschland auch nach eher unscheinbaren Events auf der Sonne (C-Class-Flares, CHs) beobachtet werden, wenn die Ausrichtung des IMF günstig ist und/oder zum passenden Zeitpunkt ein Sektorwechsel im HCS erfolgt. Ohne die ständige "Überwachung" der solaren und geomagnetischen Aktivität durch die hier im Forum versammelten Leute wären zahlreiche der zwischen April 2010 und Januar 2012 registrierten 17 Polarlichter vermutlich gar nicht bemerkt worden.


Viele Grüße aus Bonn,

Stefan
Alles über Leuchtende Nachtwolken: http://www.leuchtende-nachtwolken.info/

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