Begriffsursprung "bürgerliche Dämmerung"?

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Uwe Bachmann
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Begriffsursprung "bürgerliche Dämmerung"?

Beitrag von Uwe Bachmann » 13. Jan 2020, 11:40

Hallo in die Runde,

ich möchte auf diesem Wege gern einmal wieder das Schwarmwissen nutzen. Ich habe im Rahmen meiner Tätigkeit von der Pressestelle des DWD eine Mail erhalten, in der ein Bürger nach dem Wortursprung des Begriffs "bürgerliche Dämmerung" fragt. Gesucht ist also nicht die Definition selbiger, sondern bur warum diese Dämmerungsphase "bürgerlich" (oder engl. "civil") genannt wird. Weiß das zufällig jemand hier, Tante Google wusste leider keine Erklärung. Ich bin für jeden Hinweis dankbar und verbleibe mit einem

clear skies!

Uwe Bachmann

André Knöfel
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Re: Begriffsursprung "bürgerliche Dämmerung"?

Beitrag von André Knöfel » 13. Jan 2020, 14:18

Ob man den genauen Ursprung der Bezeichnung noch herausbekommt, weiss ich nicht, jedenfalls wird der Begriff wenigstens 250 Jahre verwendet. Johann Elert Bode hat in 'Deutliche Anleitung zur Kenntniß des gestirnten Himmels' 1777 geschrieben:

Bild

Das ist die früheste Quelle, die ich gefunden habe... Zumindest vor 1800 war der Begriff 'gemeine Dämmerung' noch weiter verbreitet als die 'bürgerliche Dämmerung'.

Gruß
André

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Claudia Hinz
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Re: Begriffsursprung "bürgerliche Dämmerung"?

Beitrag von Claudia Hinz » 13. Jan 2020, 16:43

Ich habe mal in meinen alten Büchern nachgeschaut, da habe ich die Antwort auch nicht gefunden. Aber ich habe mal irgendwo gelesen, dass das Wort "bürgerlich" früher für Dinge benutzt wurden, die in der Überzahl oder "dominant" sind. Insofern könnte man es vielleicht mit "Dominanter Dämmerung" übersetzen, was ja wieder passen würde. Denn die bürgerliche Dämmerung bietet ja die intensivsten Farben.

LG Claudia

wolfgang hamburg
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Re: Begriffsursprung "bürgerliche Dämmerung"?

Beitrag von wolfgang hamburg » 13. Jan 2020, 18:58

Moin moin,

gemein bedeutet auch gewöhnlich, allgemein, üblich, normal, alltäglich usw. . Vom gemeinen Mann zum Bürger war es im spätem 18. und frühen 19. Jahrhundert sprachlich nicht so weit. Der Umweg über dominant, erscheint mir nicht offensichtlich.

Grüße wolfgang
PS: Extra Grüße vom gemeinen alten weißen Mann! :wink: :D :wink: :twisted:

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Elmar Schmidt
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Re: Begriffsursprung "bürgerliche Dämmerung"?

Beitrag von Elmar Schmidt » 14. Jan 2020, 08:38

Hallo Uwe,

diverse sekundäre Zitate verweisen darauf, daß der Begriff auf Johann Heinrich Lambert (1728-1777) zurück ginge, das wäre dann noch etwas vor Bode gewesen.

https://www.merriam-webster.com/words-a ... rd-history
https://tinyurl.com/scsdjtd

In der Tat geht Lambert (der mit dem Extinktionsgesetz) in seiner "Photometria" von 1760 auf die "primäre" und "sekundäre" Dämmerung ein und verlegt deren Ende auf (ungefähr) -6 und -12 Grad Sonnenhöhe. Es wird glaube auch auf den Beginn der Nacht bei -18 Grad verwiesen. Vgl. hier ab S. 451 bzw. §1016:

https://tinyurl.com/sdgvcy9

Doch selbst als alter weißer Mann und Lateiner finde ich den Begriff "bürgerlich" dort nicht wörtlich. In §1026 werden 6,5 Grad Sonnendepression mit dem Satz verbunden: "Attendenti facile hoc quotidiana patebit experientia." Der bedeutet in etwa: "Dies zu bemerken, wird sich leicht mit der Alltagserfahrung [der Bürger] decken."

Lambert stammte aus einer Hugenottenfamilie im damals schweizerischen Mülhausen im Elsaß, weshalb der obige Begriff "alltäglich" womöglich gleich oder später mit "bürgerlich" verbunden wurde, weil man im Französischen häufig die ähnlich klingenden Wörter "quotidien(ne)" und "citoyen" nebeneinander gestellt findet, etwa:

https://www.amazon.com/quotidienne-cito ... B077SMS8BY

---

Unabhängig von alledem ist die übliche Definition jedenfalls vernünftig, wonach man am Ende der bürgerlichen Dämmerung ohne Licht die Arbeit niederlegen muß. Bei klarem Himmel geht die Beleuchtungsstärke im Freien von 500 lx bei Sonnenuntergang auf 1,5 lx bei einer Sonnenhöhe -6 Grad herunter (und weiter auf 0,01 lx am Ende der nautischen bzw. 0,0005 lx am Ende der astronomischen Dämmerung). Bei starker Bewölkung sind die Werte jeweils bis zu zehnmal niedriger.

Zum Vergleich: in der Mitte einer totalen Sonnenfinsternis liegen noch 1-3 lx vor, eine Vollmondnacht hat max. etwa 0,4 lx, und unter 0,1 lx verliert sich das Farbensehen.

Beste Grüße

Elmar
Zuletzt geändert von Elmar Schmidt am 14. Jan 2020, 13:40, insgesamt 1-mal geändert.

Uwe Bachmann
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Re: Begriffsursprung "bürgerliche Dämmerung"?

Beitrag von Uwe Bachmann » 14. Jan 2020, 12:01

Ganz herzlichen Dank an Euch und die vielen Hinweise, ihr habt mir damit doch sehr weiter geholfen!

Viele Grüße
Uwe Bachmann

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