Schmale Mondsichel 6.9.2021

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Elmar Schmidt
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Schmale Mondsichel 6.9.2021

Beitrag von Elmar Schmidt » 5. Sep 2021, 14:42

Hallo Lunatiker,

aus meiner gestrigen Ansage wird dank des weiterhin klaren Wetters nun ein Beobachtungsbericht. Ich mußte um 5:45 MESZ etwas ins Feld laufen, um über dem Osthorizont meine bisher schmalste Mondsichel zu sehen. Dabei hatte ich mein Fernglas Pentax Papilio 6,5x21 sowie zur Photometrie mein Konica-Minolta LS 150 .

Tatsächlich erschien der Mond gegen 6:00 (in knapp 3 Grad Höhe) im Fernglas als eine fadendünne Sichel (topozentrisch sollten weniger als 1% beleuchtet sein!) mit ca. 100 Grad Öffnungswinkel. In ihrer Mitte wies sie einen deutlich helleren "Knoten" auf, daneben lief sie teilweise perlschnurartig aus. Mit dem bloßen Auge entdeckte ich sie gegen 6:05 (Höhe 3,5 Grad) und behielt sie mit Hilfe eines Obstbaumastes als Zeiger bis etwa 6:25 (Höhe 6,5 Grad) im Blick. Danach "ertrank" sie in der bürgerlichen Dämmerung, welche hier um 6:16 begann. Meine letzte Fernglassichtung erfolgte um 6:30, es wären sicher noch 5-10 Minuten mehr drin gewesen, aber es kamen mir zu viele Hundeleute entgegen :twisted:

Die Photometrie war anfangs wegen der hohen Extinktionsabschwächung und am Ende wegen des viel zu hohen Untergrunds auf nur einen Meßpunkt um 6:12:45 MESZ beschränkt. Zu diesem Zeitpunkt stand der Mond 4,65 Grad hoch und sein Licht durchlief 10,8 schräge "Luftmassen" (Luftmasse 1 meint die gesamte Atmosphäre von Meereshöhe zum Zenit). Dies bedingt unter der (im Tiefland fraglichen) Annahme einer reinen Blauhimmelsatmosphäre eine lineare Korrektur mit dem Faktor 2,65 (-1,1 mvis).

Nach Abzug von 97% Untergrund(!) und wie o.a. luftmassenkorrigiert kam ich dann auf -4,16 mvis, mit einem abgeschätzten Fehlerbereich von -3,9 bis -4,7 mvis. Die Mondsichel war also integral höchstens so hell wie Venus, aber wegen der niedrigen Flächenhelligkeit schwieriger auszumachen.

Wie schon mehrfach hier ausgeführt, ist die Mondhelligkeit in dem Bereich "terra incognita", was sich auch an den divergierenden Angaben von Planetariumsprogrammen zeigt. EasySky liegt mit -5,2 mvis sicher zu hoch; die Stellarium-App sagt -4,48 mvis.

Mein Helligkeitsmodell für Andreas Möllers

https://www.sky-calc.com/moon/data/

ist in dem Bereich bisher nur eine Extrapolation und liegt mit -3,49 mvis deshalb wohl zu niedrig. (Wir werden die Koeffizienten zum Jahresende überarbeiten.) Und natürlich zeigt sich auch, daß man so schmale Mondsicheln terrestrisch nur noch von Höhenstandorten messen sollte. (Auch daran arbeite ich.)

Es bleibt mir aber die persönliche Rekordsichtung nur 20 Std. 28 min vor Neumond. Ich schätze, unter ähnlich idealen Bedingungen könnte man bei einer anderen Gelegenheit noch 1-2 Stunden knapper zu liegen kommen.

Das Erdlicht welches nach theoretischen Abschätzungen in der heutigen Phase knapp 30% der Mondhelligkeit beisteuern sollte, konnte man sich übrigens nur einbilden. Es verteilt sich nämlich auf die Fläche des Vollmondes und kann sich daher mit einer abgeschätzten Leuchtdichte von 0,5 cd/m^2 kaum gegen den Dämmerungshimmel durchsetzen, welcher während meiner Beobachtung laut eigener Leuchtdichtemessung von knapp 5 auf 50 cd/m^2 hoch lief.

Nun bin ich mal auf Fotos gespannt.

Gruß, Elmar

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Wolfgang S
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Re: Schmale Mondsichel 6.9.2021

Beitrag von Wolfgang S » 6. Sep 2021, 08:49

Moin Elmar,

schöne Beobachtung. Das Programm Guide 9.0 gibt - 4.6 mag und 0,96 % beleuchtet für deinen Standort aus.
Gruß
Wolfgang

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Elmar Schmidt
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Re: Schmale Mondsichel 6.9.2021

Beitrag von Elmar Schmidt » 6. Sep 2021, 11:22

Danke, Wolfgang!

SkyCalc gab 0,92% an (topozentrisch). Das wäre weniger als eine halbe Bogenminute, so daß erst ein Fernglas so etwas wie "Strukturen" in der Sichel zeigt. Dieses Foto hier (wenngleich abendlich und mit Wolkenschwaden, die es heute nicht gab) kommt in etwa auf meinen Eindruck hin:

https://www.astropix.com/html/planetary ... 10203.html

Allgemein kann man sich hier informieren:

https://skyandtelescope.org/astronomy-n ... cent-moon/

Dort gezeigt wird auch der fotografische Taghimmelsrekord von Thierry Legault bei nur 4,4 Grad Sonnenabstand, genau zum Neumondzeitpunkt. Interessant daran ist die zumindest fotografische Widerlegung einer Behauptung von André Danjon, wonach man unter 7,5 Grad Sonnenabstand keine (zusammenhängende?) Sichel mehr sehen könne.

Bei mir heute früh waren es 11 Grad. Dies und die 20,5 Stunden Neumondabstand empfand ich schon als sportlich, sie sind aber sicher zu unterbieten, wobei es unter 18-19 Stunden eng wird. Diesbezüglich bevorzugt sind Sicheln nahe Perigäumsneumonden, welche die Sonne weit nördlich oder südlich passieren, weil sich durch beide Effekte die Winkelabstände zur Sonne vergrößern, während der schnell laufende Mond die Neumondstellung in kürzerer Zeit erreicht bzw. hinter sich läßt. Heute früh war die Entfernung mit 379 800 km nahe der mittleren, dafür passiert aber der Neumond heute Nacht um 2:53 MESZ die Sonne "hier" (wenn die Erde aus Glas wäre...) in immerhin 4,3 Grad nördlichem Abstand.

Den in Astronomiekreisen verbreiteten Rekord mit unbewaffneten Augen hält wohl Stephen J. O Meara, der 1990 eine gut 15,5-stündige Sichel gesehen hat.

https://lovethenightsky.com/thinnest-crescent-moon/

Drunter geht nur noch teleskopisch etwas, wie diese Zusammenstellung zeigt, in der ein iranischer Beobachter den Rekord mit einem nur 11,7 Stunden jungen Mond beansprucht:

https://www.astronomycenter.net/icop/grecord.html

Bekanntlich ist die Beobachtung des jungen Mondes in der mohammedanischen Welt wichtig zur Feststellung des religiösen Monatsanfangs.

Gruß, Elmar

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Re: Schmale Mondsichel 6.9.2021

Beitrag von Wolfgang S » 6. Sep 2021, 16:24

Hallo Elmar,

die Ekliptik steht bei uns jetzt gut steil, ich schätze so um 30 ° fehlen aber noch für die Senkrechte. Erst auf 20,5 ° n.B. hat Guide mir eine senkrechte Linie der Ekliptik gezeigt. Insofern ist bei allen diesen Angaben der Beobachtungsstandort nicht ganz unwichtig.
Gruß
Wolfgang

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Re: Schmale Mondsichel 6.9.2021

Beitrag von Elmar Schmidt » 6. Sep 2021, 19:07

Hallo Wolfgang,

dadurch, daß der Mond nördlich der Ekliptik stand, hatte er um 6:25 MESZ hier fast den gleichen Azimut (75,3 Grad von Nord nach Ost gerechnet) wie die Sonne (74,7 Grad), d.h. er stand fast senkrecht über dieser. Viel günstiger ging es also nicht.

Gruß, Elmar


PS: wo bleiben eigentlich die Fotos, verdammich, üsch hatt's doch extroah uffgeschrieben gestern... 8) (nur selber keine dritte und vierte Hände für Stativ und Tokina-Tonne :x )

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Re: Schmale Mondsichel 6.9.2021

Beitrag von Heiko Ulbricht » 6. Sep 2021, 19:44

Hallo,

anbei meine Sichtung. Die Bedingungen waren meteorologisch nicht gut, lange versperrte genau gen Ost in Richtung der Sichel eine etwa 6° hohe und sehr breite Wolkenbank komplett den Himmel. In der Tat war es meine dünnste Sichel vor Neumond bisher im Leben. Gegen 05:57 Uhr MESZ zeigte sie sich kurz, aufgesucht im 8 x 30 Zeiss-Fernglas. Ohne optische Hilfe war es unmöglich. Zudem musste ich in Lr ganz schön an den Reglern spielen, um das so hinzubekommen:

Bild

Canon EOS 6D + Pentacon 4/200 (F5.6), ISO 100, 0.4s
Viele Grüße,
Heiko

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Re: Schmale Mondsichel 6.9.2021

Beitrag von Elmar Schmidt » 6. Sep 2021, 21:09

Hallo Heiko,

na, das Bild (20 h 56 min vor Neumond) ist doch gelungen und paßt recht gut zu meinem Eindruck, außer daß sich der Sichelbogen wohl doch eher unter 90 Grad erstreckte.

Um zu klären, ob man sich das Erdlicht nur einbildet, habe ich mal die Bildschirmleuchtdichte über der Sichel und in gleicher Höhe über dem Horizont daneben gemessen. Mit etwas Phantasie (die Werte fluktuieren lageabhängig) kommt man auf eine zusätzliche Helligkeit über dem Mond von allenfalls 1/100 der Dämmerungshelligkeit. Das entspricht grob der Abschätzung für den Beginn der bürgerlichen Dämmerung. Visuell also unmerklich. Die Hand ins Feuer legen dafür würde ich aber nicht...

Gruß, Elmar


PS: hier noch die evtl. schmalste Mondsichel, die je am Dämmerungshimmel fotografiert wurde (13 h 46 min nach neu), diesmal von einem Beobachter aus Arizona

https://www.flickr.com/photos/halfastro ... 9298787074

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