Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Forum für Polarlichter, Spaceweather, Astronomie und Raumfahrt.

Moderatoren: Claudia Hinz, Ulrich Rieth, StefanK

Benutzeravatar
Christoph Gerber
Beiträge: 451
Registriert: 24. Okt 2011, 14:44
Wohnort: Heidelberg

Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Christoph Gerber » 21. Dez 2019, 20:41

Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Der Hauptstern des Orion, der rote Riese Beteigeuze (Alpha Orionis), durchläuft momentan einen historischen Helligkeitseinbruch: so schwach war er seit den internationalen Aufzeichnungen noch nicht. Der Veränderliche bewegt sich normalerweise im Bereich zwischen etwa +1.0 und +0.0 mag, inzwischen ist er auf +1.5 mag abgesackt (Beobachtung am 19.12. abends, bereits schwächer als Pollux in den Zwillingen!) und scheint weiter zu fallen. Möglicherweise wird der Orion in den kommenden Wochen –seines roten Hauptes entblößt– einen sehr ungewöhnlichen Anblick darbieten.
Siehe auch: http://scienceblogs.de/alpha-cephei/201 ... hwaechelt/

Die letzte große Veränderung eines hellen Sternes war der Beginn einer Pulsation von Delta Scorpii (Dschubba im Skorpion), der unvermittelt vor etwa 20 Jahren zu pulsieren begann. Der bis dahin konstant +2.4 mag helle Stern erreicht eine Maximalhelligkeit von +1.6 mag und verändert damit das Aussehen des Skorpion“kopfes“ in sehr auffälliger Weise.

Mal sehen, was uns Beteigeuze zu bieten hat!

Weihnachtliche Grüße aus Heidelberg,
Christoph

Benutzeravatar
Dennis Hennig
Beiträge: 626
Registriert: 22. Dez 2007, 00:49
Wohnort: Berlin, aber sehr gern j.w.d. nordöstlich der Großstadt unterwegs

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Dennis Hennig » 22. Dez 2019, 17:46

Hallo Christoph!

Danke, dass Du dieses Thema auch in den Kreis hier trägst. :)

Sollte es zum Ausbruch der Supernova kommen, dann zur Freude von uns Erdlingen auf der Nordhalbkugel bestimmt im - Juni ... :wink:

Benutzeravatar
Jan Hattenbach
Beiträge: 586
Registriert: 9. Jan 2004, 11:58
Wohnort: La Palma
Kontaktdaten:

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Jan Hattenbach » 23. Dez 2019, 23:16

Moin,

ein Update zu Betelgeuse von Edward Guinan et al.:
The most recent measurements made on 2019 December 19.3 UT, 20.2 UT and 22.25 UT are V = +1.273, +1.294 and +1.286 mag, respectively. This appears to be the faintest the star has been measured since photoelectric observations have been carried out of the star. However, photoelectric photometry carried out during late-1926 / early-1927 by Joel Stebbins (1931: Pub. Washburn Obs., 15, 177) indicates that Betelgeuse declined to V’ ~+1.25 mag. At its average maximum brightness light (V ~ 0.3 - 0.4 mag), Betelgeuse is the 6 - 7th brightest star. But by 2019 mid-December the star has slipped to the ~21st brightest star. The red supergiant is now closer in brightness to Bellatrix (V =+1.64 mag) than to Rigel (V =+0.13 mag). Wing three-band Near-IR and TiO photometry carried out at Wasatonic Observatory shows that Betelgeuse is also cooler with an inferred spectral-type near ~M3.5 Iab (Teff ~ 3,545 K from TiO-photometry). This is about 150 K cooler than measured near maximum light. Analysis of the last 25-yrs of V-band and Wing TiO and Near-IR photometry shows a dominant ~425+/-10 day period as well as a long-term ~5.9+/-0.5 year period. The current faintness of Betelgeuse appears to arise from the coincidence of the star being near the minimum light of the ~5.9-yr light-cycle as well as near, the deeper than usual, minimum of the ~425-d period. We plan to continue to monitor the star. If the star continues to follow above periods, light minimum should occur soon.
Hervorhebungen von mir.

Selbst habe ich Betelgeuse gestern und heute auf 1,5mag visuell geschätzt. Dass sie schwächer ist also normal, fällt geübten Beobachtern schon auf.

cs,
Jan
Mein astronomischer Blog: https://himmelslichter.net/

Benutzeravatar
Andreas Möller
Administrator
Beiträge: 2739
Registriert: 1. Mai 2011, 20:47
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Andreas Möller » 7. Jan 2020, 16:18

Ist Beteigeuze in den letzten Tagen tatsächlich auf unter +2m gefallen?

Bild

Quelle: https://www.aavso.org

Viele Grüße,
Andreas

Benutzeravatar
Christoph Gerber
Beiträge: 451
Registriert: 24. Okt 2011, 14:44
Wohnort: Heidelberg

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Christoph Gerber » 7. Jan 2020, 18:39

Hallo Andreas,
da stimmt etwas nicht. Nicht einmal die schwächste visuelle Schätzung ist so schwach. Und es handelt sich um die erste AlfOri-Schäzung?/Messung? dieses Beobachters. Ich habe gestern Abend aufgrund des Nebels keine Schätzung vorgenommen, aber Betelgeuze war so hell wie zuletzt, also 1.4–1.5 und bestimmt nicht schwächer.
Christoph

Benutzeravatar
Elmar Schmidt
Beiträge: 1696
Registriert: 23. Feb 2010, 20:43
Wohnort: Bad Schönborn (8o39'51"O 49o13'21"N 130 m ü.N.N.)

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Elmar Schmidt » 7. Jan 2020, 21:46

Hallo Sternfreunde,

bin nicht sehr geübt im Veränderlichenschätzen (und mein "Mondphotometer" kommt nicht unter +1 m), aber ich habe eben auch mal zum Orion geschaut und möchte die +1,5 m bis +1,6 m für Beteigeuze bestätigen

Für mich wirkt Beteigeuze (früher +0,4 m, Spektralklasse M0) also noch ein bißchen heller als Bellatrix (+1,6 m, B2). Die Gürtelsterne (von links nach rechts mit 1,8, 1,7 und 2,2 m) sind schwierig zu vergleichen. Da dachte ich anfangs, daß sie nicht unbedingt schwächer seien als Beteigeuze. Sie sind aber spektral mit B0 noch weiter von ihr entfernt.

Von daher ist jeder solcher Vergleich von der Farbempfindlichkeit der Beobachter abhängig, die auch bei Mondfinsternissen für große Variationen sorgt. Laut dem Zitat ist ja Beteigeuze zur Zeit röter als im Maximumlicht, die Spektralklasse auf M3,5 abgerutscht. Zusätzlich muß man ggf. auch die zwischen Rot und Blau unterschiedlichen Luftmasseneinflüsse berücksichtigen, wenn Objekte verschieden hoch stehen.

Auf jeden Fall eine spektakuläre Sache. Rigel ist mit 0,1 m jetzt klarerweise der "King" im Orion, Beteigeuze fast dreimal lichtschwächer geworden als katalogisiert . Man stelle sich das mal für die Sonne vor...

Gruß, Elmar

Benutzeravatar
Helmut Hoffmann
Beiträge: 111
Registriert: 3. Jul 2017, 13:24
Wohnort: Hamburg

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Helmut Hoffmann » 8. Jan 2020, 00:58

Heute ist hier dicht, aber gestern hatte ich den Stern wieder etwas heller geschätzt. Der Unterschied zu Bellatrix kam mir deutlicher vor. Auf jeden Fall ist er jetzt eine Woche etwa gleich hell. Der Abstieg ist möglicherweise beendet.
Hanseatische Grüße
Helmut
10,00 Grad Ost - 53,44 Grad Nord

Anja Verhöfen
Beiträge: 415
Registriert: 31. Jul 2011, 18:25
Wohnort: Duisburg

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Anja Verhöfen » 8. Jan 2020, 09:20

Moin zusammen,

gibt es eine offizielle Bestätigung einer Spektralanalyse, die anzeigt, dass Beteigeuze sich "Sonnencreme" aufgetragen hat?

Liebe Grüße,

Anja Verhöfen

Benutzeravatar
Daniel Ricke
Beiträge: 1246
Registriert: 21. Jan 2004, 15:51
Wohnort: Hannover

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Daniel Ricke » 10. Jan 2020, 22:26

Moin!

Gibt's denn irgendwo tagesaktuelle Messreihen?

Gruß, Daniel
ja, wir sind Klasse! ;-)

Benutzeravatar
Andreas Möller
Administrator
Beiträge: 2739
Registriert: 1. Mai 2011, 20:47
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Andreas Möller » 10. Jan 2020, 22:39

Hallo Daniel,
schau mal hier: https://www.aavso.org/lcg
Der Stern heißt "ALF ORI"

Beispiel: https://www.aavso.org/lcg/plot?auid=000 ... on&triR=on

Viele Grüße,
Andreas

Benutzeravatar
Daniel Ricke
Beiträge: 1246
Registriert: 21. Jan 2004, 15:51
Wohnort: Hannover

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Daniel Ricke » 11. Jan 2020, 19:59

Moin Andreas!
Klasse, das hab' ich gesucht!

Herzlichsten
- Dank!
- Gruß!
:D

Daniel

PS:
Dass das unter deinem link von oben zu finden ist, kann ja keiner ahnen. :wink:
ja, wir sind Klasse! ;-)

Benutzeravatar
Christoph Gerber
Beiträge: 451
Registriert: 24. Okt 2011, 14:44
Wohnort: Heidelberg

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Christoph Gerber » 12. Jan 2020, 00:15

Hierzu ein beachtliches Foto-Paar von Petr Horálek:
Anfang Januar 2020 (Helligkeit: +1.4):
https://www.facebook.com/PetrHoralekPho ... =3&theater
und zum Vergleich: 2. Januar 2017 (Helligkeit: +0.5):
http://www.astronom.cz/horalek/wp-conte ... exagon.png
(Helligkeiten nach AVVSO: V-mag)
Christoph

Nachtrag (12.1.20):
hier noch eine Gegenüberstellung 2016 – 2020:
https://spaceweathergallery.com/full_im ... 930828.jpg

Benutzeravatar
Elmar Schmidt
Beiträge: 1696
Registriert: 23. Feb 2010, 20:43
Wohnort: Bad Schönborn (8o39'51"O 49o13'21"N 130 m ü.N.N.)

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Elmar Schmidt » 16. Jan 2020, 21:16

Heute bei perfekten Bedingungen unverändert: Beteigeuze immer noch nur leicht heller als Bellatrix, schätzungsweise +1,4 bis 1,5 m.

Elmar

Benutzeravatar
Christoph Gerber
Beiträge: 451
Registriert: 24. Okt 2011, 14:44
Wohnort: Heidelberg

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Christoph Gerber » 19. Jan 2020, 21:05

Hallo zusammen,

ich habe gerade in Astrotreff-Forum folgenden Beitrag gepostet und bringe ihn auch hier ein, um auf die Problematiken hinzuweisen, die die Schätzung (v.a. roter) Veränderlicher mit sich bringt.

Christoph

Alpha Ori Min 2020
Zu den visuellen Beobachtungen und die unterschiedliche Wahrnehmung durch verschiedene Personen möchte ich folgendes beitragen:

Rote Sterne sind immer problematisch zu beobachten, denn jedes Auge reagiert je nach Umständen anders. Es kommt dabei sehr stark auf die genauen Beobachtungsbedingungen an. Aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung folgendes:
Rote Sterne erscheinen v.a. in der Dämmerung (bei noch aufgehelltem Himmel) deutlich heller als bei dunklem Himmel. Bei Vollmond, also hellem Himmel, trifft dies auch zu (zumindest in Mondnähe). Daher soll man rote Sterne beim Schätzen nur sehr kurz anblicken – schaut man etwas länger hin, so erscheint der rote Stern heller. Beispiel Betelgeuze am Do. Abend (16.01.2020):
–A. Als ich aus dem Hellen in das Dunkel vor dem Haus getreten bin, „fehlte“ Betelgeuze im ersten Augenblick: er erschien deutlich schwächer als die Gürtelsterne. Ein sehr ungewohnter Anblick, der aber nach nur wenigen Sekunden schon vorbei war, als das Auge sich auf die dunklere Umgebung umgestellt hatte. (≥ +2.0)
–B Beim raschen Anblick schien Betelgeuze etwa gleichhell wie Gamma Ori: +1.5
–C Bei der Verlagerung des Blickes, so dass Veränderlicher und Vergleichsstern gleichzeitig außerhalb der Blickfeldmitte (aber in etwa gleichem Abstand zu ihr) stehen, war beim Vergleich sowohl mit Gamma Ori wie mit Gamma Gem Betelgeuze beide Male schwächer (bei dieser indirekten Sicht sind nur die Stäbchen beteiligt, die Farbe spielt in diesem Fall keine Rolle) (Helligkeit > +1.5 bzw. > +1.9)
–D meine „normale“ Schätzung ergab: Betelgeuze etwa in der Mitte zwischen Beta Gem (Pollux) und Gamma Gem (Alhena): +1.7
–E bei längerer Betrachtung des roten Sternes erscheint dieser ja heller (sog. Purkinje-Effekt), in diesem Fall lag die Helligkeit von Betelgeuze zwischen der von Castor und Pollux, den beiden hellen Zwillingssternen: +1.5
Fazit: je nach Beobachtungsumstand kann ein so heller roter Stern wie Betelgeuze bei ein und demselben Beobachter um mehrere Zehntel Magnitude abweichen. Wichtig ist für eine Beobachtungsserie, dass immer möglichst gleiche Beobachtungsbedingungen vorherrschen – sonst sind die Ergebnisse selbst eines einzelnen Beobachters nicht vergleichbar und aussagekräftig.

Zwei weitere Effekte kommen hinzu:
1. Jedes Auge reagiert zwar unterschiedlich, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei schwächeren rötlichen Sternen, bei denen die Farbe nicht erkennbar ist, der Augen-visuelle Eindruck gegenüber der V-Helligkeit (Visuell, sie wird immer für Sterne angegeben) gemäß der Johnson-Korrektur abweicht. Diese richtet sich nach dem Farbindex des Sternes (B-V, also blau-visuell) und nimmt mit zunehmendem Farbindex wie folgt zu: B-V = 0 --> +0.0 mag, B-V = 0.5 --> +0.1 mag, B-V = 1.0 --> + 0.2 mag, B-V = 1.5 mag (schon stark rötlich!) --> +0.3 mag. Betelgeuze hat einen Farbindex von +1.5, d.h. zu den oben angegebenen Helligkeiten sind -0.3 zu addieren, um die übliche V-Helligkeit zu erhalten. Obige Schätzung D wäre demnach +1.4 statt +1.7 mag u.s.w.
2. Auch der Winkel spielt eine Rolle, also ob die beiden Sterne, die verglichen werden, horizontal nebeneinander oder vertikal übereinander angeordnet sind. Der obere Stern erscheint heller, auch wenn er tatsächlich geringfügig schwächer ist als der untere. Das kann man schön an der Deichsel des Kleinen Wagens beobachten: Delta und Zeta UMi invertieren Ihre Helligkeit je nach Orientierung, wobei Zeta +0.1mag heller ist; jetzt am Abendhimmel steht Delta über Zeta und erscheint (mir) als der hellere. Freundlicherweise haben beide denselben Farbindex von +0.04, so dass die Farbe in diesem Fall keine Rolle spielt.

HINWEIS: bei den genannten Beobachtungen habe ich für Gamma Gem (Alhena) die Helligkeit von +1.93 (B-V = 0.00), allerdings habe ich gestern festgestellt, dass mir der Stern im Vergleich zu den blauen Sternen Gamma Ori und Zeta Ori heller erscheint und ich ihn auf +1.6 schätze. Entsprechend heller wären dann die oben genannten Schätzungen. Soweit zur Problematik Rot-Blau.
Vergleiche mit Alhena und mit jeweils Castor, Pollux bzw. Aldebaran führten alle zu einer Helligkeit von +1.7 (Johnson V-Helligkeit) (18.01.2020). Die V-Beobachtungen bei der AAVSO liegen bei +1.5, so dass in meiner individuellen Wahrnehmung Betelgeuze weitere 0.2 mag schwächer ist. Diese 0.2 mag sind offenbar mein individueller Korrekturfaktor, da seit Mitte Dezember, als ich die Schätzungen Betelgeuzes aufnahm, meine V-Schätzungen konstant 0.2 mag schwächer sind als bei der AAVSO, die allmähliche Helligkeitsabnahme sich aber genauso deutlich abzeichnet. Zu allen Schätzungen kommt also noch ein individueller Korrekturfaktor hinzu, der auch den unten genannten Korridor von 0.3–0.4 mag erklären könnte.

FAZIT: es gibt also jede Menge Tücken bei der Beobachtung von Sternen, die zu Ungenauigkeiten führen. Das führt zu scheinbar widersprüchlichen Ergebnissen wie die, dass für den einen Beobachter der Vergleichsstern, für einen anderen der Veränderliche heller erscheint! Je rötlicher ein Stern ist, desto größer ist die Bandbreite der Schätzungen – sie kann im Rahmen von bis zu 1.0 mag (!) liegen. Die AAVSO-Schätzungen von Alpha Ori weisen eine Bandbreite von 0.7 mag auf mit Ausreißern, die die „Amplitude“ auf über 1.2 mag erhöhen können: während ein Beobachter Betelgeuze auf +0.5 schätzt, kann ein anderer durchaus auf +1.8 kommen (so die Extreme am 29./30.12.2019). Erfahrene Beobachter liegen in einem Korridor von 0.3–0.4 mag (s.o. Graphik von Stathis). Das sieht zwar wie ein krasser Widerspruch aus, ist aber letzten Endes dem Wunder „menschliches Auge“ zuzuschreiben, das nicht für Helligkeitsmessungen erschaffen wurde und daher kein Photometer ist.

Christoph

Benutzeravatar
Christoph Gerber
Beiträge: 451
Registriert: 24. Okt 2011, 14:44
Wohnort: Heidelberg

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Christoph Gerber » 25. Jan 2020, 11:51

Betrachtet man die Lichtkurve von Beteigeuze von 2017 bis heute (aus: spaceweather.com vom 10. Jan. 2020), fallen zwei gut definierte Minima auf: bei JD2458060 (+0.7 mag) Anfang Nov. 2017 und bei JD2458470 (+0.9 mag) Mitte Dezember 2018. Geht man von der daraus resultierenden Periode von ca. 410 Tagen aus, fällt das nächste Minimum um das Datum JD2458880, was genau der Monatswende Jan/Feb 2020 entspricht. Demnach dürfte sich Beteigeuze bereits im oder nahe des Minimums befinden. Vermutlich wird sie dann nicht mehr (deutlich) schwächer.

Erst seit 2016 fallen die Minima von Beteigeuze jahreszeitlich so, dass sie gut definierbar sind – davor fiel das Minimum in oder nahe der Zeit der Sonnennähe (im Sommer). Das Minimum 2016/17 erfolgte im November 2016 (+0.5mag, bei etwa JD2457730), woraus sich eine Periode zum folgenden Minimum von nur etwa 330 Tagen ergibt. Nimmt man eine Verlängerung der Periode an, dann wäre noch reichlich Zeit bis zum Minimum!

Auffällig ist, dass die Minima zunehmend tiefer werden: +0.5, +0.7, +0.9, +1.5(?)

Die letzten Schätzungen bei der AAVSO liegen so weit auseinander, dass sowohl ein Erreichen des Minimums als auch ein weiterhin gleichmäßiges Schwächerwerden als Trend ableitbar sind. Meine eigenen Beobachtungen lagen zuletzt (21. und 24. Januar) bei +1.78 (Johnson-Korrigiert: +1.48 V), und deuten an, dass sich die Helligkeitsabnahme offenbar verlangsamt hat. Ich habe meine Schätzungen (in rot) auf den screenshot der AAVSO-Lichtkurve eingetragen. Sie zeichnen sehr schön den Abwärtstrend seit Dezember nach.
Den Hinweis aus meinem letzten Eintrag oben muss ich korrigieren: meine Schätzungen liegen nicht 0.2 schwächer, sondern hierzu muss der Farbindex-Beitrag addiert werden (-0.3 mag) – dann liegen meine Beobachtungen „richtig“. Was mich überrascht und verblüfft ist, dass meine visuellen (!) Schätzungen aufgrund der Berücksichtigung des Johnson-Faktors so genau sind, dass die Abweichungen der jeweils drei Schätzungen im Bereich weniger Hundertstel mag liegen: am 20. bei 0.02, am 21. bei 0.04 und am 24. bei 0.03 mag und damit viel genauer als die Schätzungen selbst sein müssten. Die gleichmäßige Helligkeitsabnahme lässt jedoch vermuten, dass an diesen „übergenauen“ Schätzwerten dennoch etwas dran ist.

Christoph

CG_Screenshot_2020-01-25 Enhanced LCG#.jpg
Lichtkurve der AAVSO mit V-Beobachtungen (grün) und meinen Schätzungen in rot
Lichtkurve von Beteigeuze von Wolfgang Vollmann auf Astrotreff.de
Zuletzt geändert von Christoph Gerber am 25. Jan 2020, 12:34, insgesamt 1-mal geändert.

wolfgang hamburg
Beiträge: 2280
Registriert: 10. Jan 2004, 01:12
Wohnort: Bernitt(MVP; 53.9°N 11.9°O)

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von wolfgang hamburg » 25. Jan 2020, 12:03

Moin moin,

einen ständig aktualisierten Plot gibt es auch hier:
https://twitter.com/betelbot

Grüße wolfgang

Benutzeravatar
Christoph Gerber
Beiträge: 451
Registriert: 24. Okt 2011, 14:44
Wohnort: Heidelberg

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Christoph Gerber » 6. Feb 2020, 14:05

Stand 06.02.2020

Die Helligkeitsabnahme von Betelgeuze erfolgte bis vor wenigen Tagen weiterhin gleichmäßig, offenbar ohne irgendwelche Plateaus oder sonstige Veränderungen. Das scheint sich nun zu ändern: möglicherweise ist der Tiefpunkt erreicht. Meine letzten Beobachtungen deuten auch ein Einhalten des Schwächerwerdens an. Gestern Abend konnte ich aufgrund des sehr klaren Himmels nach Durchzug der Kaltfront Betelgeuze wie üblich schätzen, auch wenn der Mond unmittelbar nördlich zwischen Zeta Tau und Eta Gem stand (!): er hat den Himmel in seiner unmittelbaren Umgebung kaum aufgehellt. Beide Beobachtungsserien (18:45 und 21:30 MEZ) ergaben die selbe Helligkeit von +1.44V (Abweichungen ±0.01 bzw. ±0.04 mag).

Das Bild wird durch die AAVSO-Beobachtungen im V-Bereich inzwischen sehr „unscharf“, da hier nicht mehr nur die PEP-Messungen einfließen, sondern und v.a. „Beobachtungen“ von Digitalbildern (DLSR bzw. CCD). Die sind offensichtlich nicht so standardisiert wie zu wünschen wäre: welcherlei die Probleme bei der Auswertung auch sind – sie bringen in die V-Messungen eine Ungenauigkeit hinein, die die der reinen visuellen Beobachtung entspricht. Damit gehen Wert und Genauigkeit (etwa 0.01 mag) der V-Messungen leider verloren.
In dem folgenden Screenshot der AAVSO habe ich alle Beobachtungen von Beobachtern, die nur bis zu etwa 4 Beobachtungen beigetragen haben, ausgeblendet (so nimmt die Streuung etwas ab). Hervorgehoben (Kreuze) sind die Beobachtungen von Beobachter PTOB, der zwar mit CCD beobachtet, aber sehr enge und konsistente Werte erhält. Sie deuten bisher ein schön ausgeprägtes Minimum an. Meine eigenen Beobachtungen habe ich als dunkelblaue Rauten eingetragen. Sie deuten ebenfalls einen „Stillstand“ (ab etwa 8865) an, aber v.a., dass der Abwärtstrend zumindest unterbrochen scheint.

Erstaunlicherweise kommen meine rein visuellen Schätzungen mit ihrer „Übergenauigkeit“ an die PEP-Genauigkeit heran und übertreffen sogar die „gemittelten“ Werte der Digitalbilder...
Meine Schätzungen lagen anfangs etwa 0.05 mag über den gemessenen PEP-Werten (bis etwa 8870) und sind dann etwa konstant geblieben, so dass für mein Auge die Minimalhelligkeit etwa 0.15 mag heller als PEP geblieben ist.

Es gilt weiterhin: mal sehen, wie es weitergeht...

Christoph
AlphaORI 200206.jpg
Lichtkurve von Betelgeuze: V-mag der AAVSO (selektiert) mit Hervorhebung von Beobachter PTOB und meinen eigenen Beobachtungen (dunkelblaue Rauten)

Benutzeravatar
Helga Schöps
Beiträge: 1752
Registriert: 10. Jan 2004, 14:07
Wohnort: Hermsdorf/Thür.
Kontaktdaten:

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Helga Schöps » 9. Feb 2020, 11:56

Hallo zusammen,

aktuell von heute:

THE CONTINUING MYSTERY OF BETELGEUSE
https://www.spaceweather.com/archive.ph ... &year=2020

Beste Grüße
Helga

Benutzeravatar
Andreas Möller
Administrator
Beiträge: 2739
Registriert: 1. Mai 2011, 20:47
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Andreas Möller » 14. Feb 2020, 19:20

Heute gab es eine tolle Veröffentlichung des Very Large Telescopes.

Sie zeigt Aufnahmen des Sterns vom Januar und Dezember letzten Jahres:

https://www.spektrum.de/news/beteigeuze ... el/1705910

Benutzeravatar
Christoph Gerber
Beiträge: 451
Registriert: 24. Okt 2011, 14:44
Wohnort: Heidelberg

Re: Veränderliche Sterne: Beteigeuze in historischem Minimum

Beitrag von Christoph Gerber » 21. Feb 2020, 14:56

Betelgeuze scheint das Minimum hinter sich zu haben:
https://spaceweathergallery.com/indiv_u ... _id=159536

Christoph

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 7 Gäste