Frage an die Meteorologen/-innen....

Während im Polarlichtforum die ernsteren, eher wissenschaftlich ausgerichteten Leute ihre Plattform haben, können sich im Off-Topic Forum Jedermann oder die Anfänger unbefangen unterhalten und begegnen, lustig sein oder drauflosposten.

Moderator: Claudia Hinz

Antworten
Benutzeravatar
Henning Untiedt
Beiträge: 240
Registriert: 18. Mär 2015, 07:04
Wohnort: 24321 Tröndel

Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Henning Untiedt » 14. Nov 2017, 11:36

Hallo zusammen,

'mal was anderes:

seit 30 Jahren bin ich (Bio)Bauer. Ich kann mich nicht erinnern, einen derart verkorksten Sommer und Herbst erlebt zu haben. Am 16.06. kippte hier bei uns das Wetter. Seitdem spätestens alle 3-4 Tage Regen. Alle in Vorhersagen angedeuteten Wetterbesserungen ("nächste Woche setzt sich eine stabile Hochdruckwetterlage durch" - bestimmt 3-4x gehört...) trafen nicht ein. Das gilt nicht nur für eine kleine Region, sondern den gesamten Norddeutschen von Ostfriesland , Bremen Hamburg, Mecklenburg und Schleswig Holstein.

Was die Niederschlagsmengen betrifft ist dieses Jahr zwar nicht rekordverdächtig (bei mir 850 mm, statt 750mm) aber eben fast alle 3 Tage Regen. Dies hatte zur Folge, dass ich und viele andere Bauern auch, kaum Herbstsaaten ausbringen konnten. Daran können sich selbst "die Alten" nicht erinnern. Es hat zwar immer mal wieder einen unbeständigen Sommer, bzw. Herbst gegeben, aber über Monate nicht eine Periode mit wenigestens 7 niederschlagsfreien Tagen - das ist neu.

Meine Fragen an die Meteorologen im Forum: Ist irgendetwas in der Atmosphäre im Zeitraum von Mitte Juni bis heute total anders gelaufen ? Oder warum lagen die Prognosen oft daneben?

...oder: Haben wir einfach nur "Pech" gehabt und es über nunmehr fast 20 Wochen mit einer atlantisch dominierten Wetterlage zu tun ? Die Frage die sich daran anschließt wäre: Ist damit öfter zu rechnen ???

Aus landwirtschaftlicher Sicht ein Jahr zum abhaken, brauch' ich nicht nochmal......

Vllt findet jemand von Euch die Zeit für eine kurze Antwort. :wow:

Herzliche Grüsse

Henning

Benutzeravatar
Laura Kranich
Beiträge: 1228
Registriert: 4. Jun 2013, 15:08
Wohnort: Kiel
Kontaktdaten:

Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Laura Kranich » 15. Nov 2017, 16:26

Moin Henning!

Ich habs auch so erlebt, dass ab Anfang/Mitte Juli plötzlich ein deutlicher Wetterumschwung stattfand und dann für eine ganze Weile eher kühlere Temperaturen herrschten und relativ viel Regen runterkam. Das geben auch die Messwerte (Kiel-Holtenau) wieder, es kam ungefähr 20% mehr Regen runter, als sonst in einem Juli. Ich kann mich an eine Gewitternacht am 20. Juli erinnern, da fuhr ich mit einem Kumpel auf Gewitterjagd durch Ostholstein und wir gerieten in einen heftigen Regen, sowas habe ich schon sehr, sehr lange nicht mehr erlebt. Es war ein tropischer Regen.
Zur Temperatur: Der Juli war mit 16,7 °C leicht kühler als im Mittel (17,3°C, 1981-2010) aber wärmer als das Mittel von 1961-1991 (16,3°C).
Die Temperaturanomaliekarte (bezogen auf 1981-2010) für Europa im Juli sieht so aus:

Bild

Also ja, der Juli war leicht (!) unterdurchschnittlich. Mai und Juni waren dagegen etwas zu warm, aber zumindest der Juni war in Kiel mit 117 L/m² sogar fast doppelt so nass wie normal.

Was kann man jetzt daraus schließen?
Die Temperaturen waren zwar etwas kühler, aber nicht wirklich ungewöhnlich. Auch die letzten Sommer waren phasenweise zum Abgewöhnen und man fragte sich, wo denn der Sommer bleibt (wie schon letztes Jahr, wo der August sehr durchwachsen war, dann aber der September nochmal voll aufdrehte). Ungewöhnlich wären auch eher Temperaturanomalien von mehreren Grad Celsius.

Eher aus dem Rahmen als die Temperaturen fällt der Niederschlag. Und in diesem Sommer gab es vor allem viele Starkregenereignisse. Ich wohne jetzt seit einigen Jahren in Kiel, aber habe noch nie so viele Unwetterlagen wie in diesem Jahr erlebt, hatte beim nächsten die Bilder des vorhergehenden noch gar nicht durchgearbeitet. Gut, ich war auch viel in anderen Gegenden unterwegs, aber kann mich noch gut erinnern, wie gerade erst eine verheerende Front im Juni durch halb Deutschland gezogen und die Schäden noch nicht beseitigt waren, da wurde schon die nächste Kaltfront bewarnt.
Allerdings ist Niederschlag auch oft ein sehr lokales Phänomen und deshalb ist es schwierig, aus Messungen an einem Ort oder in einer kleinen Region irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Welche zirkulatorischen Phänomene hier jetzt für 2017 eine Rolle gespielt haben (El Nino der letzten Jahre bspw., aber auch lokale oder regionale Phänomene wie ozeanische Temperaturanomalien), kann man, wenn überhaupt, nur nach einer ausführlichen Analyse halbwegs seriös sagen.
Aber was auch ganz allgemein bekannt ist: Die Starkregenereignisse nehmen aufgrund der Klimaerwärmung zu. Die wärmere Atmosphäre kann mehr Wasser aufnehmen und entsprechend wieder abgeben. Man sieht in den Klimastatistiken einen Trend zu stärkeren Einzelereignissen.
Was die kühlen Sommer angeht, gibt es die auf Modellrechnungen basierende Theorie, dass aufgrund eines geringeren Temperaturunterschieds zwischen Arktis und Äquator die atmosphärischen Rossbywellen eine größere Amplitude bekommen könnten. Das heißt, dass wir es häufiger mit Luftmassen, die ihren Ursprung weiter nördlich oder südlich haben, zutun bekommen könnten, es wird wechselhafter.

Aber definitionsgemäß kann man aus einem Jahr auch noch keine wirklich Aussage über das Klima treffen, das sind immer langjährige Zeitreihen von mindestens 30 Jahren. Es können auch einfach Ausreißer sein und im nächsten Jahr steht uns wieder durchschnittliches oder eher trockenes Wetter bevor. Oder mal ein richtig kalter Winter. Wobei dafür definitiv die Wahrscheinlichkeit sinkt, nur ausschließen kann man es trotzdem nicht.

Bin gespannt, ob noch jemand anderes mit meteorologischen Background eine Meinung dazu hat. :)

Liebe Grüße,
Laura
Viele Grüße aus Kiel,
Laura

http://www.lk-photo-film.de

Benutzeravatar
Henning Untiedt
Beiträge: 240
Registriert: 18. Mär 2015, 07:04
Wohnort: 24321 Tröndel

Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Henning Untiedt » 16. Nov 2017, 06:35

Moin Laura,

...danke für die ausführliche Antwort. Scheint, dass man sich auf eine zunehmende Zahl an Wetterextremen einstellen muss...

Liebe Grüsse

Henning

Benutzeravatar
Laura Kranich
Beiträge: 1228
Registriert: 4. Jun 2013, 15:08
Wohnort: Kiel
Kontaktdaten:

Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Laura Kranich » 16. Nov 2017, 08:52

Um das mal noch mit einer Quelle zu belegen, hier ein Artikel aus dem Blog von Stefan Rahmstorf aus Potsdam:
https://scilogs.spektrum.de/klimalounge ... en-bringt/

Schon vor vielen Jahren hat Herr Rahmstorf solche Erkenntnisse z.B. auf dem Hamburger Extremwetterkongress präsentiert.

Offenbar war schon letztes Jahr ein recht extremes Jahr auf ganz Deutschland bezogen. Man erinnert sich ja noch an die schrecklichen Bilder aus Baden-Württemberg, wo ganze Orte weggespült wurden. Dieses Jahr traf es viele Orte in Italien und in der Schweiz führte auftauender Permafrost zusammen mit Starkregenereignissen zu schweren Zerstörungen.

Offensichtlich kann die Menge des Niederschlags bei bestimmten Events zukünftig exponentiell steigen. 3°C Erwärmung wären also sehr viel schlimmer als 2°C Erwärmung. Und 1°C haben wir ja schon mindestens und man braucht ja gerade nur nach Griechenland schauen, was das für Implikationen haben könnte...
Viele Grüße aus Kiel,
Laura

http://www.lk-photo-film.de

Benutzeravatar
Helmut Hoffmann
Beiträge: 27
Registriert: 3. Jul 2017, 13:24
Wohnort: Hamburg

Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Helmut Hoffmann » 21. Nov 2017, 00:17

Ein Meteorologe bin ich zwar nicht, aber ein Hobbysterngucker. Und dieses Jahr war für mich schlimmer denn je. Wir Hamburger sind ja sowieso nicht vom Wetter verwöhnt, aber so schlimm habe ich es noch nie empfunden. Mich würde nicht wundern, wenn Hamburg 2017 weniger als halb soviel Sonnenscheindauer hätte wie München.

Seit Juli/August zeigt die Wetterkarte ein unglaubliches Süd-Nord-Gefälle an und mein astronomisches Projekt kommt und kommt nicht voran weil es einfach keine 3 Tage nacheinander mit freiem Sternenhimmel mehr gibt.

Aber trotz des Lebens in der Tiefdruckrinne sind wir hier im Norden ja die glücklichsten Menschen in Deutschland. Wetter ist eben doch nicht alles.

Grüße mit Regenjacke
Helmut
Hanseatische Grüße
Helmut

Benutzeravatar
Helmut Hoffmann
Beiträge: 27
Registriert: 3. Jul 2017, 13:24
Wohnort: Hamburg

Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Helmut Hoffmann » 21. Nov 2017, 00:42

... und für Henning, dem Threaderöffner noch einen Tipp: Wenn sich das so einpendelt muss die landwirtschaftliche Arbeit wieder wie früher mit Pferden erledigt werden. Alternativ bleibt nur noch übrig, die Felder alle 30 Meter zu asphaltieren um sie noch mit den schweren Maschinen befahren zu können. Das kostet zwar rund 10 Prozent der Fläche, macht aber unabhängiger vom Wetter.
Hanseatische Grüße
Helmut

wolfgang hamburg
Beiträge: 2041
Registriert: 10. Jan 2004, 01:12
Wohnort: Bernitt(MVP; 53.9°N 11.9°O)

Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von wolfgang hamburg » 21. Nov 2017, 18:18

Moin moin,

bitte keine Felder asphaltieren, auch nicht alle 30m! Lösungen für schwere Technik auf nassen Böden existiert. Und wer sagt eigentlich, das es dauerhaft so nass bleibt?
Natürlich war dieses Jahr im Norden sehr "feucht" und der Sommer gefühlt Schei*e. Aber kalt war er wenigstens nicht. Was haben wir in den 70ern im Sommer manchmal gefroren.
Im SW wurde lange über Trockenheit geklagt. Es war also nicht einmal ein deutschlandweites Phänomen.
Ich bin kein Bauer, aber auf einem Bauernhof und intakter Landwirtschaft aufgewachsen. Aber selten hab ich gehört, das Wetter hat dieses Jahr gepasst. Etwas kommt immer dazwischen und Landwirtschaft ist und bleibt wetterabhängig. Zur "Not" kommt noch ein lokales Ereignis dazu.
Mein Vater hat immer gesagt, Panik machen ist nicht hilfreich. Fürs gute Heu hatte der aber ein Händchen! Hat aber auch nicht jedes Jahr geklappt.
@Henning: Tröstlich ist das für natürlich nicht. Aber dauerhaft über das Wetter schimpfen, wird deine Wirtschaft nicht verbessern.

Grüße wolfgang
PS: Wenn manche Wissenschaftler nicht so Panik verbreiten würden, wäre es glaubhafter. Nicht jedes Wetterereignis ist ein Beleg für eine Dauerkatastrophe! Die Panikmache geht aber z.T. auf Drittmittelwerbung zurück, also etwas erklärbar, leider. Grundlagenforschung gehört 100%ig staatlich finanziert, das ist Zukunftsvorsorge!

Benutzeravatar
Henning Untiedt
Beiträge: 240
Registriert: 18. Mär 2015, 07:04
Wohnort: 24321 Tröndel

Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Henning Untiedt » 21. Nov 2017, 20:05

Helmut und Wolfgang,

Danke auch für Eure Antworten. Um es vllt noch 'mal zu betonen: Ich wollte nicht irgendwie in ein allgemeines Wettergejammer einsteigen. Ich habe die Frage in den Raum gestellt, weil ich 'sowas' in der Tat noch nie erlebt habe. Eine Bearbeitung der Felder war und ist immernoch schlicht nicht möglich. Wird auch nix mehr in diesem Jahr...
Nicht aufgrund von Rekordereignissen, sondern nur weil es beständig unbeständig ist. Seit Mitte Juni, so meine Beobachtung. Zudem gab's auch nur vllt 2-3 Sommertage - Anfang Juni. Danach Temperaturen >25°C Fehlanzeige....

'Ett kütt wie ett kütt'! sagt der Kölner ergänzt durch: 'Ett hätt noch immer jot jejange'! Trifft meine Einstellung dazu ganz gut.

Unabhängig von irgendeinem Bauernkram wünsche ich uns allen viele Nächte mit klarem Himmel!

Liebe Grüsse

Henning

...und @Wolfgang: stimme Dir zu. Grundlagenforschung ist sozusagen Gemeinschaftsaufgabe und gehört staatlich finanziert, ebenso wie bestimmte Infrastrukturen wie Wasser, Strassen....nunja da sind wir bei der Politik und meine Einstellung hat 'was mit der Farbe des Chlorophylls zu tun...

Benutzeravatar
Helmut Hoffmann
Beiträge: 27
Registriert: 3. Jul 2017, 13:24
Wohnort: Hamburg

Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Helmut Hoffmann » 22. Nov 2017, 00:28

Hallo Henning,

das mit dem Asphaltieren war natürlich nicht ernst gemeint. Da gibt es sicher bessere Methoden. Allerdings gehe ich davon aus, dass wir die früher üblichen längeren trockenen Phasen nicht mehr bekommen. Aus den 70gern und 80gern kenne ich noch die Wetterberichte, die uns im Winter immer das Tauwetter vorhergesagt haben und damit schief lagen. Das Winterhoch war zumindest hier im Norden stark genug um 2 bis 3 Tiefdruckgebiete abzuwehren. Das ist Vergangenheit, leider auch in den anderen Jahreszeiten. Die Tiefs sind durch den Klimawandel stärker geworden und hauen das Hoch meist schon im ersten Versuch weg. Wir werden also in näherer Zukunft keine 2-wöchigen Schönwetterperioden mehr bekommen. Damit muss sich auch die Landwirtschaft abfinden.

Noch hoffe ich allerdings, dass sich die Tiefdruckrinne in den nächsten Jahrzehnten noch ein Stück weiter nach Norden verschiebt und wir dann wieder zu mehr Beständigkeit im Wetter kommen.
Hanseatische Grüße
Helmut

Benutzeravatar
Elmar Schmidt
Beiträge: 1339
Registriert: 23. Feb 2010, 20:43
Wohnort: Bad Schönborn (8o39'51"O 49o13'21"N 130 m ü.N.N.)

Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Elmar Schmidt » 22. Nov 2017, 22:42

Hallo,

ich kann weder zum Agrarthema noch zu Wetterextremen was beitragen (außer daß meine Balkongeranien wohl dieses Jahr am 1. Advent noch blühen könnten; der bisherige Rekord der Vorjahre lag ugf. am heutigen Datum), und wenn ich ab und zu mal den Mond sehe, raicht es mir astronomisch inzwischen hioarh :-) Ohne was aufgezeichnet zu haben, gab es an meinem Ort lange Flauten ohne klaren Himmel, aber so regnerisch wie im glücklichen Norden war's dann auch nicht.

Ich hörte gestern zufällig einen Vortrag von einem Mitarbeiter der EUMETSAT in Darmstadt über die nunmehr bald 60-jährige Entwicklung der Wettersatelliten mit einem Ausblick auf deren nächste europäische Meteosat-Generation. Die sollen dann vom geostationären Orbit von den bisherigen 3 km auf eine eine Pixelgröße von 250 Meter im Quadrat verbessert werden, was die lokalen Progmnosen deutlich verbessern könnte.

In der Nachsitzung machte der vortragende Kollege übrigens deutlich, daß es nicht gut vom DWD sei, erfahrene Beobachter auszuplanen. Andere verwiesen auf die oft geschmähten, aber vielfach doch erfahrungsgetragenen Bauernregeln. Apropos, mit die besten astronomischen Prognosen beschaffen sich einige Sterngucker von speziellen Agrarwetter-Seiten, die recht genau seien und manchmal sogar ein Premium-Abo lohnen würden, von dem man täglich ein lokales Wetterfax erhielte.

Offen blieb meine Frage, ob es - natürlich nicht von den Satelliten (s.o. Auflösung) - aber von Niederschlagsradar o.ä. eigentlich eine Deutschlandkarte mit den angeblich 20 bis 60 Tornados im Jahr gibt?

Wenn Interesse besteht, kann ich bei dem Herrn mal anfragen, ob er den 45-minütigen Vortrag beim AKM-Seminar halten könnte, der war nämlich technisch und inhaltlich allererste Klasse.

Gruß, Elmar

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast