Frage an die Meteorologen/-innen....

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Henning Untiedt
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Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Henning Untiedt » 14. Nov 2017, 11:36

Hallo zusammen,

'mal was anderes:

seit 30 Jahren bin ich (Bio)Bauer. Ich kann mich nicht erinnern, einen derart verkorksten Sommer und Herbst erlebt zu haben. Am 16.06. kippte hier bei uns das Wetter. Seitdem spätestens alle 3-4 Tage Regen. Alle in Vorhersagen angedeuteten Wetterbesserungen ("nächste Woche setzt sich eine stabile Hochdruckwetterlage durch" - bestimmt 3-4x gehört...) trafen nicht ein. Das gilt nicht nur für eine kleine Region, sondern den gesamten Norddeutschen von Ostfriesland , Bremen Hamburg, Mecklenburg und Schleswig Holstein.

Was die Niederschlagsmengen betrifft ist dieses Jahr zwar nicht rekordverdächtig (bei mir 850 mm, statt 750mm) aber eben fast alle 3 Tage Regen. Dies hatte zur Folge, dass ich und viele andere Bauern auch, kaum Herbstsaaten ausbringen konnten. Daran können sich selbst "die Alten" nicht erinnern. Es hat zwar immer mal wieder einen unbeständigen Sommer, bzw. Herbst gegeben, aber über Monate nicht eine Periode mit wenigestens 7 niederschlagsfreien Tagen - das ist neu.

Meine Fragen an die Meteorologen im Forum: Ist irgendetwas in der Atmosphäre im Zeitraum von Mitte Juni bis heute total anders gelaufen ? Oder warum lagen die Prognosen oft daneben?

...oder: Haben wir einfach nur "Pech" gehabt und es über nunmehr fast 20 Wochen mit einer atlantisch dominierten Wetterlage zu tun ? Die Frage die sich daran anschließt wäre: Ist damit öfter zu rechnen ???

Aus landwirtschaftlicher Sicht ein Jahr zum abhaken, brauch' ich nicht nochmal......

Vllt findet jemand von Euch die Zeit für eine kurze Antwort. :wow:

Herzliche Grüsse

Henning

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Laura Kranich
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Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Laura Kranich » 15. Nov 2017, 16:26

Moin Henning!

Ich habs auch so erlebt, dass ab Anfang/Mitte Juli plötzlich ein deutlicher Wetterumschwung stattfand und dann für eine ganze Weile eher kühlere Temperaturen herrschten und relativ viel Regen runterkam. Das geben auch die Messwerte (Kiel-Holtenau) wieder, es kam ungefähr 20% mehr Regen runter, als sonst in einem Juli. Ich kann mich an eine Gewitternacht am 20. Juli erinnern, da fuhr ich mit einem Kumpel auf Gewitterjagd durch Ostholstein und wir gerieten in einen heftigen Regen, sowas habe ich schon sehr, sehr lange nicht mehr erlebt. Es war ein tropischer Regen.
Zur Temperatur: Der Juli war mit 16,7 °C leicht kühler als im Mittel (17,3°C, 1981-2010) aber wärmer als das Mittel von 1961-1991 (16,3°C).
Die Temperaturanomaliekarte (bezogen auf 1981-2010) für Europa im Juli sieht so aus:

Bild

Also ja, der Juli war leicht (!) unterdurchschnittlich. Mai und Juni waren dagegen etwas zu warm, aber zumindest der Juni war in Kiel mit 117 L/m² sogar fast doppelt so nass wie normal.

Was kann man jetzt daraus schließen?
Die Temperaturen waren zwar etwas kühler, aber nicht wirklich ungewöhnlich. Auch die letzten Sommer waren phasenweise zum Abgewöhnen und man fragte sich, wo denn der Sommer bleibt (wie schon letztes Jahr, wo der August sehr durchwachsen war, dann aber der September nochmal voll aufdrehte). Ungewöhnlich wären auch eher Temperaturanomalien von mehreren Grad Celsius.

Eher aus dem Rahmen als die Temperaturen fällt der Niederschlag. Und in diesem Sommer gab es vor allem viele Starkregenereignisse. Ich wohne jetzt seit einigen Jahren in Kiel, aber habe noch nie so viele Unwetterlagen wie in diesem Jahr erlebt, hatte beim nächsten die Bilder des vorhergehenden noch gar nicht durchgearbeitet. Gut, ich war auch viel in anderen Gegenden unterwegs, aber kann mich noch gut erinnern, wie gerade erst eine verheerende Front im Juni durch halb Deutschland gezogen und die Schäden noch nicht beseitigt waren, da wurde schon die nächste Kaltfront bewarnt.
Allerdings ist Niederschlag auch oft ein sehr lokales Phänomen und deshalb ist es schwierig, aus Messungen an einem Ort oder in einer kleinen Region irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Welche zirkulatorischen Phänomene hier jetzt für 2017 eine Rolle gespielt haben (El Nino der letzten Jahre bspw., aber auch lokale oder regionale Phänomene wie ozeanische Temperaturanomalien), kann man, wenn überhaupt, nur nach einer ausführlichen Analyse halbwegs seriös sagen.
Aber was auch ganz allgemein bekannt ist: Die Starkregenereignisse nehmen aufgrund der Klimaerwärmung zu. Die wärmere Atmosphäre kann mehr Wasser aufnehmen und entsprechend wieder abgeben. Man sieht in den Klimastatistiken einen Trend zu stärkeren Einzelereignissen.
Was die kühlen Sommer angeht, gibt es die auf Modellrechnungen basierende Theorie, dass aufgrund eines geringeren Temperaturunterschieds zwischen Arktis und Äquator die atmosphärischen Rossbywellen eine größere Amplitude bekommen könnten. Das heißt, dass wir es häufiger mit Luftmassen, die ihren Ursprung weiter nördlich oder südlich haben, zutun bekommen könnten, es wird wechselhafter.

Aber definitionsgemäß kann man aus einem Jahr auch noch keine wirklich Aussage über das Klima treffen, das sind immer langjährige Zeitreihen von mindestens 30 Jahren. Es können auch einfach Ausreißer sein und im nächsten Jahr steht uns wieder durchschnittliches oder eher trockenes Wetter bevor. Oder mal ein richtig kalter Winter. Wobei dafür definitiv die Wahrscheinlichkeit sinkt, nur ausschließen kann man es trotzdem nicht.

Bin gespannt, ob noch jemand anderes mit meteorologischen Background eine Meinung dazu hat. :)

Liebe Grüße,
Laura
Viele Grüße aus Kiel,
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Henning Untiedt
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Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Henning Untiedt » 16. Nov 2017, 06:35

Moin Laura,

...danke für die ausführliche Antwort. Scheint, dass man sich auf eine zunehmende Zahl an Wetterextremen einstellen muss...

Liebe Grüsse

Henning

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Laura Kranich
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Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Laura Kranich » 16. Nov 2017, 08:52

Um das mal noch mit einer Quelle zu belegen, hier ein Artikel aus dem Blog von Stefan Rahmstorf aus Potsdam:
https://scilogs.spektrum.de/klimalounge ... en-bringt/

Schon vor vielen Jahren hat Herr Rahmstorf solche Erkenntnisse z.B. auf dem Hamburger Extremwetterkongress präsentiert.

Offenbar war schon letztes Jahr ein recht extremes Jahr auf ganz Deutschland bezogen. Man erinnert sich ja noch an die schrecklichen Bilder aus Baden-Württemberg, wo ganze Orte weggespült wurden. Dieses Jahr traf es viele Orte in Italien und in der Schweiz führte auftauender Permafrost zusammen mit Starkregenereignissen zu schweren Zerstörungen.

Offensichtlich kann die Menge des Niederschlags bei bestimmten Events zukünftig exponentiell steigen. 3°C Erwärmung wären also sehr viel schlimmer als 2°C Erwärmung. Und 1°C haben wir ja schon mindestens und man braucht ja gerade nur nach Griechenland schauen, was das für Implikationen haben könnte...
Viele Grüße aus Kiel,
Laura

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Helmut Hoffmann
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Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Helmut Hoffmann » 21. Nov 2017, 00:17

Ein Meteorologe bin ich zwar nicht, aber ein Hobbysterngucker. Und dieses Jahr war für mich schlimmer denn je. Wir Hamburger sind ja sowieso nicht vom Wetter verwöhnt, aber so schlimm habe ich es noch nie empfunden. Mich würde nicht wundern, wenn Hamburg 2017 weniger als halb soviel Sonnenscheindauer hätte wie München.

Seit Juli/August zeigt die Wetterkarte ein unglaubliches Süd-Nord-Gefälle an und mein astronomisches Projekt kommt und kommt nicht voran weil es einfach keine 3 Tage nacheinander mit freiem Sternenhimmel mehr gibt.

Aber trotz des Lebens in der Tiefdruckrinne sind wir hier im Norden ja die glücklichsten Menschen in Deutschland. Wetter ist eben doch nicht alles.

Grüße mit Regenjacke
Helmut
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Helmut Hoffmann
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Re: Frage an die Meteorologen/-innen....

Beitrag von Helmut Hoffmann » 21. Nov 2017, 00:42

... und für Henning, dem Threaderöffner noch einen Tipp: Wenn sich das so einpendelt muss die landwirtschaftliche Arbeit wieder wie früher mit Pferden erledigt werden. Alternativ bleibt nur noch übrig, die Felder alle 30 Meter zu asphaltieren um sie noch mit den schweren Maschinen befahren zu können. Das kostet zwar rund 10 Prozent der Fläche, macht aber unabhängiger vom Wetter.
Hanseatische Grüße
Helmut

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